Worte
 
Dienstag, 17. April 2012


*Ordnung

Ordnung machen. So wie damals, vor 25 Jahren. Als ich, hinter meinem Schreibtisch thronend (thronend? - nunja, versunken in der schwarzen Lederpolsterung, der Sessel versehen mit einem Höhenverstellmechanismus, der mich immer an Chaplins Hitler-Mussolini-Wettbewerb erinnerte, wer denn wohl höher sitze ...), im Vorzimmer eine Sekretärin (die nie zu überwindende Peinlichkeit, wenn sie mir Kaffee zu servieren anbot, ein Angebot, das ich immer nur ablehnen konnte), draußen der mit schweren (160 kg schweren) Schritten sich nähernde Chef, begeistert von mir (das warum wurde mir nie wirklich klar, wenngleich ich es erahnte: Die Vermutung einer verqueren Tüchtigkeit durch unzählige abenteuerliche Tätigkeiten nebst zweitem Bildungsweg - oder so ähnlich; wer jedenfalls Bauarbeiter und Maturant in einem war, musste voller Kraft und Lebenstüchtigkeit sein - o sancta simplicitas ...), begeistert von sich, seiner Arbeit, in der Hand jenen ledergebundenen Folianten, der dem, der es sich wünscht (aber wer in aller Welt würde einen solchen Wunsch aussprechen?) alle Finessen der - - - Feuerversicherung - - - verriet.

Langsames Aufräumen des Schreibtisches, Herstellen geometrischer Ordnung zwischen Stiften, Radiergummi, Ablagen, einige Stäubchen von der Schreibunterlage gewischt, den verstellbaren Chaplin-Sessel ausgerichtet. Erstaunen (es war doch noch keine Mittagspause), müssen Sie weg? - ja, musste ich, und obgleich ich ihm die Hand drückte, hat er wohl noch eine Zeitlang nicht begriffen, dass ich nie wiederkommen würde.

So amüsant, so konsequent - aber auch feig. Immer wieder: Mut ohne Alternative. Ein Mut, der so betrachtet keiner ist, weil zwangsläufig, ohne bewussten, gedanklichen Entschluss. Nunja, die Betrachtung post festum lässt alles determiniert erscheinen. Und so werden die nun weitgehend in eine inhaltliche und/oder alphabetische Ordnung gebrachten 6000 Bücher auch nur ein zwangsläufiges Ergebnis, ein Anrennen gegen die allgegenwärtige Entropie sein, die - post festum, post mortem - dann wieder einen Sinn zugesprochen bekommt. Wann immer das sein wird. Aber mit Mut wird es wiederum nichts zu tun haben.

 
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Freitag, 24. Februar 2012


*Protokoll 1

Vor einigen Jahrzehnten in wildem Überschwang (wohl auch aus Verzweiflung) an die Seite eines Buches gekritzelt: "Ich möchte noch eine ganze Menge L(l)eben!" Eine Zeit, unendlich fern, in der man Wecker zitieren konnte und das mit dem Leben auch noch ernst meinte. Heute wüsste ich nicht mehr, wie ich "L(l)eben" - positiv konnotiert - noch umschreiben könnte.

Verfall. Selbstbeobachtung. Die grauen Haare, Schlafgewohnheiten, Verdauung. Das Zittern der Hände, die Unmengen Medikamente am Nachttisch, Berechnung der Kontraindikationen, Wechselwirkungen, das müde Lächeln, das die Beschreibung bei "starken und stärksten Schmerzen" auf meinem Gesicht zutage fördert, wenn ich die Dosis von "stark und stärkste" vervielifache.

Schlaflos über Tage, Müdigkeitsanfälle, die mich noch gesellschaftsunfähiger machen denn meine ohnehin nicht sehr mitteilsame Natur, innerhalb von Minuten ins Bett müssen, wie bewusstlos, erwachen mit Schweißausbrüchen, Vergessen jeder Tageszeit. Dämmerung - geht die Sonne auf oder unter? ist es Mittag und bloß ein trüber, regnerischer Tag?

Hinter all dem das, was noch kommt, kommen soll. Damals, als man noch leben wollte und einiges von den Träumen wahr wurde; Träume, die dann doch nur nach Enttäuschung schmeckten, die man verzweifelt wiederholte, um dadurch hinter das Geheimnis zu kommen, das einem verborgen blieb. Heute hinter allem - mehr oder weniger - das Sterben, nicht das wütende Sterben von damals, sich Opfern für was auch immer, ein Selbstmord, dessen Motivation und Umstände doch nur bewiesen hätten, wie sehr man das eingangs erwähnte Motto lebte, einer, der nicht still und unauffällig alles beendet, sondern Aufsehen erregt (und doch ebenso wie das leise Sterben nach kurzer Zeit vergessen gewesen wäre), ein Sterben, von dem man sich einzig fragt, warum es noch aufschieben, was denn da noch ist und bleibt - für sich und die wenigen anderen, die daran teilhaben (müssen).

Zwischendurch übernimmt die menschliche Natur. Die Natur des Dauerns und Wartens, die Natur, die hinnimmt, nicht fragt, die nicht handelt, sondern geschehen lässt. Es bleibt noch eine ganze Menge Sterben.

 
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Montag, 13. Februar 2012


*Spott, Worte und urologisch Bedenkliches

Einer der - nicht unwesentlichen - Unterschiede im Erleben: Das, was einstmals zu Spott Anlass war, zu Witzeleien, Sticheleien, ist es nun nicht mehr wert, mit irgendwelchen Kommenataren bedacht zu werden. Nicht, dass ich die Häme irgendwann als als ein Mittel betrachtet hätte, am kritisierten Zustand etwas zu ändern, war sie aber doch für mich, meine Befindlichkeit sinnvoll, half sie mir, das Befremdliche, Eigenartige zu ertragen und hatte in dem erzeugten Lachen und Verlachen ihren Sinn in sich selbst.

Nun bleibt sie im Halse stecken. Im Begriffe zu erwidern, im Luftholen noch von der Müdigkeit eingeholt, sodass es beim Ausatmen bleibt, ohne die auströmende Luft mit der Bildung von Lauten zu behelligen, die da mehr und weiteres bedingen würden, Erwiderungen, Interaktion ...

Überhaupt noch sprechen. Staunen über einzelne Worte, selbst jene pragmatischer Natur (wo ist hier das Klo?). Andererseits: Froh sein über solche Fragen, unverfänglich, zu keinen Überlegungen Anlass gebend - und wenn schon: Wer fragt freiwillig nach einer Prostata mit Funktionsstörungen? (Diese beiden Wörter werden unter Garantie alsbald in Suchmaschinen getippt und den Leidenden, wenn er auf diese Seite gelangt, frustriert zurücklassen.) Der Kleine als das philosophische Gegenstück zum urologisch Beeinträchtigten: Weil das Leben so interessant ist und eine Unterbrechung nicht hinnehmbar kann's schon mal durchnässte Unterhosen geben. Die Erklärung so nüchtern wie einleuchtend: Ich hatte keine Zeit.

 
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Sonntag, 22. Januar 2012


*Zeit

Plötzlich ist da nur noch Vergangenheit, keine Zukunft, obschon diese sich lautstark manifestiert in Kindergeschrei, Fröhlichkeit, Besuchen. Mir aber ist, als ob ich in dieser gegenwärtigen Zukunft selbst nur ein Besuch wäre, einer, der für kurze Zeit begleitet, auch mitmacht, aber doch nur an der Peripherie bleibt und dann zurückkehrt in sein Allereigenstes: Die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die noch Zukunft hatte und deshalb des Aufsuchens wert scheint. Deren Gescheitertsein aber ebenfalls evident ist, denn sie wird erinnert, ist vergangen.

 
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Donnerstag, 5. Januar 2012


*Vom Sterben

Das Alter und Altern als Vorbereitung auf das Sterben. Sind erstmal die zurückgelegten Kilometer Legion so stirbt sich's leichter. Sagt man. Obwohl es da die Wütenden gibt, die Aufbegehrenden, jene, die ein Ende anzuerkennen schlicht nicht bereit sind. Ein Großonkel etwa, der, unheilbar an Krebs erkrankt und noch nicht 60, den Ärzten immer und immer wieder sein "ich will nicht sterben" entgegenbrüllte, der mit allem Verfügbaren nach dem medizinischen Personal warf und dann doch innerhalb weniger Wochen zusammenbrach, wortlos wütend verstarb, wütend auf die Welt, in der er kaum einmal glücklich war und die zu verlassen er dennoch als Ungeheuerlichkeit empfand. Weil er - trotz katholischer Prägung - wusste, dass es nun ein für allemal zu Ende ist, dass noch nicht einmal Schmerz, Wut, Traurigkeit in ihm sein werden, sondern gerade das Ertragen dieser ganzen Empfindungen in seinem Leben so unendlich sinnlos war.

Ob man zu diesen Aufbegehrenden gehört weiß man nicht. Nicht, bevor man, von Krebs zufressen, in weißes Leinen gepackt neben sterilisierter Medikamentenbox mit genau derselben zu werfen beginnt nach allen, die sich da einem nähern. Weil es diesen nicht gegeben ist zu verstehen, sie nur eine rationale Einsicht besitzen in das Unabwendbare, während der dort Liegende alles an sich selbst, in sich selbst erfährt und fühlt. Die Sinnlosigkeit des Erduldens - ein Leben lang, die Aussichtslosigkeit, noch einmal erdulden zu dürfen.

 
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Montag, 12. Dezember 2011


*Von seichtem Humor, der keiner ist ...

Ich, der ich nun wahrlich nicht von der Weisheit und Integrität unserer Welt überzeugt bin, war hingegen sicher, dass es sich um einen mehr-weniger gelungenen Faschingsscherz zur Adventzeit handle und bin, das Ganze beiläufig zur Kenntnis nehmend, wieder zur Tages- und Nachtordnung übergegangen. Ein Kabarettist liefe Gefahr, allzu seichter Witzelei geziehen zu werden, die Realität hingegen neigt zu einer solch abenteuerlichen Humorigkeit: Der Doktor strg. c. als Wächter der Internetfreiheit. Sollte es noch irgendwo, irgendwann Zweifel an der Absurdität unseres politischen Lebens gegeben haben, so dürften sich dieselben nun in Luft aufgelöst haben. Demnächst werden wohl Saddam Husseins sterbliche Überreste nach Yad Vashem überführt und neben jenen von Heinrich Himmler ein Ehrengrab erhalten. Oder so.

 
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Donnerstag, 1. Dezember 2011


*Transzendentale Ästhetik - Zeugs ...

Vor einem halben Jahr das letzte Mal Kant gelesen - bei Tageslicht. (Dieser Satz steht einsam in einem der Kritzel- (Sudel-?) hefte, vorher wochenlang kein Eintrag, nachher fast nur noch Leere.) Überhaupt - der Tag: Vorbereitung auf die Nacht, schlaflos, müde - die Bücherstapel vom Nachttisch zum Schreibtisch - zum Laptop und wieder zurück getragen, ängstlich aufgeschlagen, ruhelos abgebrochen. Heute zwei Seiten Proust, aber immerhin schon auf Seite 2130 befindlich. Die Nacht, wenn sie zu Ende geht, das graue Licht durch die alten Jalousien dringt (wochenlang schon keine Sonne - nur Nebel - aber: Hätt ich sie denn gesehen, die Sonne? - wohl kaum ...), bringt schließlich ein wenig Erleichterung, die Gedanken, vorher in Endlosschleifen kreisend, zittern noch ein wenig, dann wird's stiller, sanft fast (manchmal ...).

"Wir haben also sagen wollen: daß alle unsere Anschauung nichts als die Vorstellung von Erscheinung sei; daß die Dinge, die wir anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch ihre Verhältnisse so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns erscheinen, und daß, wenn wir unser Subjekt oder auch nur die subjektive Beschaffenheit der Sinne überhaupt aufheben, alle die Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objekte im [sic] Raum und Zeit, ja selbst Raum und Zeit verschwinden würden, und als Erscheinungen nicht an sich selbst, sondern nur in uns existieren können." Und weiter: "Wir kennen nichts als unsere Art, sie (die Gegenstände) wahrzunehmen [...]." So also der § 8 aus der transzendentalen Ästhetik (und die hat in der Kantschen Terminologie weniger mit Schönheit, als mit dem sinnlich Wahrnehmbaren zu tun).

Sollen wir uns darüber beruhigen? Die Philosophen hat's gefreut bis an den heutigen Tag, dass wir nach Kant der Natur vorgesetzt sind und bestimmen über sie, dass wir (= der Mensch) wieder zum Mittelpunkt uns aufgeschwungen haben. Obschon mir das den ganzen lieben Tag über ein wenig aufs Gemüt schlägt und ein zuviel an Wichtigkeit ist, ich gäb's auch ein wenig billiger - und für ein bisschen mehr an Seelenruhe würde ich den Mittelpunkt gern zur Sekante und auch Tangente werden lassen.

 
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Sonntag, 13. November 2011


*Tja ...

Vor fast 30 Jahren habe ich mich zu meinem Erschrecken bei dem Wunsch ertappt, es möge doch vorbei sein. Es: Die Zeit in ihren Sekunden, Minuten, aber auch Jahren, die Lebenszeit. In diesem Jahr, das fruchtloser, unproduktiver war als das vorhergehende (und das Jahr zuvor - ad infinitum), hat dieser Wunsch seine Wiederauferstehung gefeiert, als etwas Beängstigendes, dann aber auch wieder Tröstliches. Der Blick in den Spiegel zeigt einen alten Mann (mir, der ich wahrscheinlich tiefer sehe, während die Umgebung auf dem Gegenteil beharrt), schlaflose Nächte, müde Tage. Kleine Freuden: Wenn mir der Sinn eines Satzes aus der Kritik der reinen Vernunft aufgeht, ein Algorithmus das von mir Beabsichtigte brav erledigt, eine Gleichung nicht bloß gelöst, sondern auch verstanden wird.

Was noch? Ein wenig Musik - und über allem: Die Liebe des, zum Kleinen. Sie, die Liebe, so schön wie belastend, in jeder Hinsicht das erträgliche Maß übersteigend. Sie, die mich mit so vielen Gewichten beschwert hat und die sie mir zu tragen erlaubt.

Außerdem: Menschen. Nur in kleinsten Dosen erträglich. Das Kinderfest mit seinem Geschreie, Gerede, den wummernden Boxen, mit den unzähligen Elternblicken aus aufgeschlossenen Gesichtern nur mit knapper Mühe überstanden. Die gestrige Einladung trotz der beschränkten Anzahl Teilnehmender ebenfalls eine Gratwanderung. Mein Gesichtszüge entgleisen, als ich nach dem Lob Castanedas und Hesses nach meiner Meinung gefragt werde, ich kann mir nur ein mühsames "naja" abringen, was nun zum Anlass wird, die Qualitäten (welche??) Vorgenannter mir ausführlich vor Augen zu führen. Mein Gesichtsausdruck scheint eine deutlichere Sprache zu sprechen denn meine hingemurmelten diplomatischen Ablehnungen. "Was denn gute Autoren seien" will man schließlich wissen und ich ringe um eine unverfängliche Antwort, Thomas Mann, Musil, Doderer ... Celine fällt mir schließlich ein, deshalb, weil dessen Reise durch die Nacht garantiert niemand kennt. Und Nigel Short hat ein gutes Buch über den Najdorf-Variante im Sizilianer geschrieben, was schließlich lächelnd quittiert wird, in die Runde passt und mich aus meiner Hilflosigkeit entlässt.

Später drogeninduziert die Entspannung erwartend, meist gegen 5, 6 Uhr früh, ruhig werden, lesend, zur Entspannung Gleichungen im Kopf lösend. Der Tag - endlich - vorbei.

 
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Donnerstag, 20. Oktober 2011


*In der Nacht ...

Der Schmerz in seinem Ausmaß unwirklich, weshalb dem Empfinden noch Staunen zugemischt war - und gleichzeitig die Erkenntnis der Unerträglichkeit. Die kurze Ohnmacht, Blutgeschmack im Mund und die Angst vor einer Wiederholung. Die Sinne überweit geöffnet, der Blick auf den nackten Unterarm, den Schweißperlen wie im Zeitraffer zusehen können in ihrem Größerwerden, unwirklich wie in einem Film, das T-Shirt nach nicht einmal 30 Sekunden schweißnass und während noch immer die Angst mich völlig bewegungsunfähig sein lässt, nehme ich langsam den ungeheuren Lärm wahr in meinem Kopf, ein Rauschen, Klopfen, Sirren. Minutenlange Starre, nur keine Bewegung, alles vermeiden, was den Schmerz erneut erwachen lassen könnte, gleichzeitig das Bewusstwerden der absoluten Hilflosigkeit, das Telefon 10, 12 Meter entfernt, eine Unendlichkeit. Die Augen starr auf die schweißbedeckte Haut gerichtet, von der Stirne tropft es langsam, vermischt sich mit dem Blut aus dem Mund auf dem Holzboden zu rot-wässrigen kleinen Lachen. (Erst 10 Tage später werde ich die Spuren des Desasters zu entfernen fähig sein.)

Irgendwie zurück ins Bett, wie genau vermag ich nicht mehr zu beschreiben. Der Lärm im Kopf ungebrochen, nicht bewegen, nur nicht bewegen, so lange es nur irgend erträglich ist. Das Morphium auf dem Nachttisch unendlich weit weg, ich bewege einen, zwei Finger der Hand, lasse es wieder bleiben. Erst nach 3, 4 Stunden wage ich den Griff zu den Medikamenten, kaum Erleichterung, aber wenigstens dumpfe Schläfrigkeit.

Alles ging fast völlig geräuschlos vor sich: Noch im Fallen, im Spüren des Unglaublichen das Bemerken, dass für einen Schrei die Kraft fehlt, dass der Schmerz jede möglich Regung, Äußerung absorpiert, man stumm ist, der Stimme alle Kraft fehlt.

 
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Mittwoch, 7. September 2011


*Piefke und Arschlöcher

Ironie definiert sich als "feiner, versteckter" Spott. Allerdings sollte man mit dem Verstecken achtgeben, sollte seine Sätze nicht allzu hintergründig anlegen und verborgene Bedeutungen lieber an der Oberfläche lassen. Was aber auch nicht immer hilft ... Weshalb ich auf die am letzten Freitag erfolgte Ankündigung, dass wir (== Österreich) es ihnen (== Deutschland) diesmal (die Welt ist alles, was der Fall ist - diesfalls das Qualifikationsspiel für die Fußballeuropameisterschaft) zeigen werden, erwiderte, dass dem hoffentlich so sei, weil denn die Deutschen (wie unschwer aus den Unter- und Zwischentönen zu entnehmen) ohnehin alles Arschlöcher wären. So ich. Kurzes Zusammenzucken, leichtes Staunen (der sich sonst eher zurückhaltend Äußernde befleißigt sich einer etwas fragwürdigen Ausdrucksweise), dann aber wird aller Zweifel vom Maß der Zustimmung übertroffen: Ja, da wäre schon was dran, das stimme schon, auch wenn man es so nicht immer, aber doch, eigentlich und im Grunde: Der Vergleich mit rektalen Körperöffnungen sei so falsch nicht.

Die offenkundige Ironie (die also defintionsgemäß gar keine mehr ist), die sich da müde in die Konversation schlich und im Grunde nur dem Überdruss Ausdruck verlieh, dass meine Fußballbegeisterung im allgemeinen und meine Deutschaversion im besonderen als gering anzusehen ist, war offenbar ein Schuss in den Ofen. Tatsächlich wurde meine Äußerung zum Anlass, noch allerhand Ungustiöses über den homo piefkenensis zum Besten zu geben, wobei das Unflätige der Ausdrucksweise und die Höhe des Alkoholspiegels in direkt proportionalem Zusammenhang standen.

Es ist nicht so, dass ich allein darüber mich unterhalten wollte, was denn die Bedingungen der Möglichkeit seien, Subjekte und Prädikate zu synthetisieren, die analytisch nicht zusammengehören (möglicherweise die Erfahrung ;)). Ich weiß, was eine Viererkette ist und das Erstaunen bewegt sich gegen unendlich, wenn ich erwähne, dass eine Fußballkarriere hauptsächlich von meiner Verletzungsanfälligkeit verhindert wurde (zugegeben: Nicht nur, sondern auch - denn die Tatsache, dass es sich beim Fußball um einen Mannschaftssport nebst dem damit verbundenen, unabdingbaren Mannschafts(un-)geist handelt, hätte wohl auch bei intakten Knöcheln und Bändern mir alsbald einige Schwierigkeiten bereitet). Aber Unterhaltungen sind dort unmöglich, wo ich jedem Satz auf seiner Rückseite die entsprechende Interpretation, tags für Ironie oder Sarkasmus beifügen muss. Ich habe keine Lust, zu allen Aussagen sofort die eigene Sekundärliteratur zu schreiben.

 
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Freitag, 2. September 2011


*Seniler Humor nebst Aufgeschlossenheit

Es gibt eine Form der Aufgeschlossenheit in sexuellen Dingen, die meinerseits mit dem sofortigen Entzug der Sympathie geahndet wird: Dazu gehören sexuell konnotierte Anspielungen älterer Herren, die sich aus zweierlei Gründen derartige Freizügigkeiten gestatten. Zum einen kokettieren sie mit ihrem fortgeschrittenen Alter, das sie diesbezüglich jedweder Kritik entheben würde - zum anderen wird eine Aufgeschlossenheit propagiert, durch die man sich (wohltuend?) von den prüden, verklemmten, bürgerlichen Altersgenossen zu unterscheiden sucht.

Mir ist der aufgeschlossen-intellektuelle Altherrenwitz ebenso sehr zuwider wie das schenkelklatschende, bierdunstatmosphärige Zotenerzählen am Würstlstand. Nicht aus Gründen der Prüderie, sondern weil dieser "Humor" schlicht dämlich ist. Und es gehört nicht zu den Weltoffenheit konstituierenden Elementen, über solche verständnisheischend vorgebrachten Kalauer zu lachen. Nebenbei wirkt ein sich an Kopulationswitzen verlustierender Akademiker weniger aufgeschlossen denn retardiert. Man mag zwar in solchen Fällen glauben, jung zu wirken, vergisst aber, dass die durchschnittliche Zahl der Idioten in jeder Altersklasse ungefähr gleich groß ist. Und so wird ein alter bestenfalls zum jungen Deppen.

 
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Dienstag, 16. August 2011


*The internet is really, really great --- for porn ...

Ein neuer soziologischer Begriff: Sexuelle Verwahrlosung. Immer im Zusammenhang mit Jugendlichen und der leichten Verfügbarkeit von Pornographie im Netz. Kaum eine Definition: Entsteht diese Verwahrlosung durch die Verfügbarkeit, durch vermeintliche Vorbildwirkung der Filmchen, durch das (gewollt-ignorante) Desinteresse von Eltern am Tun ihrer Sprösslinge?

Meine Generation, die (annähernde) Nacktheit einzig aus der Abteilung Unterwäsche des Versandkatalogs kannte, die ihre Eltern nie nackt sah und deren Aufklärung zumeist auf der Straße stattfand; die manchmal mit medizinisch anmutenden Büchern (womit Sexualität immer in den Bereich von Krankheit gerückt wurde) und farbigen Zeichnungen von Geschlechtsorganen (die so gar nicht mit einem realen Menschen in Zusammenhang gebracht werden konnten) auf die kommende, endokrinologische Verirrung vorbereitet wurde, diese Generation scheint mir mindestens so sehr dieser apostrophierten Verwahrlosung teilhaftig gewesen zu sein wie die derzeitigen Jugendlichen, denen sämtliche Sexpraktiken unter Farbe und lautem Gebrüll der Beteiligten präsentiert werden. Dass hier sonderbare Vorstellungen bezüglich Sexualität entstehen können, liegt auf der Hand (vor allem dort, wo der Betreffende keinen Ansprechpartner hat), dass diese Phantasien aber seltsamer, eigenartiger, verschrobener, weiter von der Realität entfernt seien (oder auch schädlicher sind) denn die meiner Generation, will ich stark bezweifeln.

Wird Verwahrlosung im Sinne einer Vernachlässigung verstanden, so trifft dies in sexueller Hinsicht auf die Nachkriegsgeneration sehr viel eher zu als auf die heutige Jugend. Alles Sexuelle war tabuisiert, allenfalls konnte man unter Alkoholeinwirkung bei Erwachsenen manchmal eine ebenfalls sehr seltsame, von größter Unsicherheit (und dümmsten Witzen) getragene Haltung in dieser Hinsicht feststellen. Die enttabuisierte Zone war der (männliche) Arbeitsplatz, 80 % der Unterhaltung war der Fortpflanzung geschuldet und als ich erstmals mit einem Mädchen Hand in Hand von einem meiner Arbeitskollegen gesehen wurde, musste ich über mich endlose Befragungen bezüglich der schon (oder noch nicht) erfolgten, immer aber von allen vorgestellten Kopulation ergehen lassen, Fragen, die in mir eine entfernte Ahnung enstehen ließen, dass meine Unsicherheit in diesen Dingen keinesfalls größer sein dürfte denn diejenige der ständig Gelächter produzierenden Arbeitskollegen.

 
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Dienstag, 9. August 2011


*Schönes Malheur ...

Der Name ist bekannt aus der Geschichte und Goethes Egmont: Dort lässt die Existenz eines Herzogs von Alba vermuten, dass es irgendwo auch eine Herzogin desselben Namens geben müsse. Doch das Bild, das mir auf der ORF-Seite präsentiert wurde, evozierte ganz andere Vorstellungen: So, genau so muss Dolly Buster nach ihrem 95. Geburtstag aussehen. Zur gefälligen Kenntnisnahme: Hier und hier.

 
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Samstag, 30. Juli 2011


*Status quo - Fortsetzung I

Matratzengruft - Heine, Proust. Das Schlimmste an der Krankheit sind die Ärzte - bzw. jene, welche sie empfehlen. Verständlich einerseits, wollen sie doch nur das Beste. Und kriegen das einzige, was dem Maroden noch bleibt: Das bisschen Seelenruhe - das immer dann sich einstellt, wenn die Vorstellung von weißgekitteltem Personal möglichst weit (zeitlich und räumlich) entfernt zu sein scheint.

 
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Freitag, 29. Juli 2011


*Status quo

Der Zustand wird durch Totschweigen nicht besser. Vielleicht sollte ich ihn der mittelalterlichen Heilmethode des Besprechens und Beschreibens unterziehen. Heilung verspreche ich mir davon nicht, möglicherweise Erleichterung. Mal sehen.

 
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by philit (17.04.12 01:52)
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