Worte
 
Sonntag, 29. Juni 2008


*Köhlmeiers "Abendland", Hegel und andere Eseleien

Das, was ein geschichtliches Ereignis bedeutsam mache, ist seine Wirkung, sein Einfluss auf den Ablauf der Geschichte und nicht die Sache an sich. Solcherlei geistreiche Erkenntnisse liest man in Köhlmeiers "Abendland", fühlt sich an Hegels Trivialgeschichtsauffassung erinnert, dass denn das Stärkere immer siege (mit dem zweifelhaften Zusatz, dass es auch das Bessere sei, wobei noch zu definieren wäre: Für wen besser). Auf diese Weise hat Geschichte immer Recht - und man vermag auch die Zukunft vorauszusagen: Insofern, als dass auch in Zukunft der Stärkere siegen werde. (Und eigentlich ist's nur dümmliche Tautologie: Der Stärkere ist der Stärkere!) *

Das nun ist so richtig wie belanglos. Es besagt nichts anderes, als dass es eben Stärkere und Schwächere gibt, Sieger und Verlierer und es ist für die Gegenwart nichts anderes als das Konstatieren des status quo. Ein teleologisches Geschichtsbild, es hat so kommen müssen und nicht anders, weil es eben so ist und nicht anders. Alles Seiende hat eine Ursache - und weil es auf diese Weise ist, konnte es nicht anders sein. Wenn nun aber die Zeit bis zu unserer Gegenwart auf diese Weise determiniert ist, lassen sich für teleologische Schlauköpfe auch Zukunftsszenarien orten, ob wissenschaftlich oder metaphysisch verbrämt. Zwischen Jüngstem Tag und Klassenloser Gesellschaft ist kein Unterschied, und weil alle Wege zwangsläufig dorthin führen, können auch Opfer gebracht werden. Auf ein paar Tote kommt es nicht an - im Gegenteil: Diese sind offenbar notwendig, sie sind nur die zwangsläufige Zwischenschritte auf dem Weg dorthin. Wo immer das ist.

Köhlmeier dient die Hinrichtung Jesu (eine Person zweifelhafter Historizität) als ein Beleg für seine Theorie, die Kreuzigung selbst belanglos, folgenschwer erst durch jene Menschen, die diesem Tod Bedeutung zuerkannten. Das klingt nun einleuchtend, ist aber von fundamentaler Aussagelosigkeit: Es ist nichts anderes als die Feststellung eines historischen Faktums. Es bedeutet schlicht, dass die Folgen ähnlicher Ereignisse nicht immer die gleichen sind (alles andere wäre denn auch überraschend). Bzw.: Dass Ursachen Wirkungen haben. Und unterschiedliche Ursachen unterschiedliche Wirkungen, je nach Ort und Zeit des Geschehens. Ein umstürzender Baum wird meist niemanden erschlagen, manchmal einen unvorsichtigen Forstarbeiter, selten einen Präsidenten. Und mit den Propheten aller Zeiten ließen sich viele Fußballstadien füllen, in einigen wenigen Fällen hatten diese mit einem Hang zur Hysterie und Epilepsie ausgestatten Personen weitreichendere Wirkung. Sie hatten ihn, weil fast jeden Sonntag jemand im Lotto gewinnt, weil die zufällige Verteilung keine andere Wirkung zulässt. (Sie mussten ihn aber nicht haben: Wie auch die Lottozahlen andere hätten sein können. Was Sonntag Abend noch den meisten einleuchtet.) Bei den Propheten hingegen wird alsbald eine höhere Macht vermutet, die nach Erschaffung der Welt nebst starker und schwacher Kernkraft derzeit mit der Überwachung von Klein-Maxi beschäftigt ist und ihn wegen eines geklauten Kaugummis im Supermarkt der ewigen Verdammnis zuführt.

Der Exkurs war in dieser Länge nicht vorgesehen, aber die Zwangsläufigkeit der Geschichte musste hier und heute zu diesem Ergebnis führen! Eigentlich wollte ich nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen, dass dieser Roman (Köhlmeiers "Abendland") durchwegs euphorische Kritiken erhielt. Nach einigen hundert Seiten bin ich mir dessen gewiss: Für diese Art der Literatur ist mein Leben zu kurz, ich bin nicht mehr jener jugendliche Enthusiast, der da einmal meinte, alles lesen zu müssen. Je weniger Jahre mir verbleiben, desto rigider mein Auswahverfahren. Und dieses Buch erinnert in seiner epischen Langeweile, den konstruierten Handlungssträngen und ach so besonderen Schicksalen stark an J. Franzens Korrekturen. Meine masochistische Ader verträgt aber nur eine veritable Qual pro Jahr, zu mehr reicht meine Leidensfähigkeit nicht. (Zu J. Franzen: Während es bei ihm noch manch amüsante oder berührende Szene gab, wartet man bei Köhlmeier vergebens auf ein Ende der Geschwätzigkeit. Was aber nicht als Lob für den Amerikaner zu verstehen ist.)

----------------

*)In der Geschichte sei "göttliche Vernunft" (auch Weltgeist genannt) und dies sei wahr. Der Beweis hiefür sei die Geschichte selbst. Solche Auffassungen sind sinn- und wertlos, sind beliebig, weil sich (ähnlich wie bei Sprichwörtern) mit ebenso viel Verve das Gegenteil vortragen ließ (und mir persönlich scheint die Geschichte ein eher zweifelhafter Hinweis auf göttliche Vernunft zu sein). Vielleicht spiegelt sich in solchen Haltungen bloß die Sehnsucht nach Geborgenheit, einem Aufgehobensein in einer irgendwie derterminierten Welt nach dem Verlust des naiven Gottesglaubens (wobei zwischen Welt- und Heiligem Geist kein Unterschied besteht). Wie auch Marx die Hegelsche Eselei übernommen hat und das Jüngste Gericht durch seinen proletarischen Endzeittraum ersetzt hat.

Die Logik solcher Beweisführungen verdient diese Bezeichnung nicht: Das ist Kaffeesudleserei a posteriori. Aus einer vorhandenen Tatsache wird auf deren Notwendigkeit geschlossen. Wäre die Heilige Römische Kirche nicht göttlich, sie hätte nicht überleben können. Weil sie überlebt hat, ist sie göttlich. Aus a folgt b und weil b, so a. Dieses Zirkel- und Kurzschließen hat seit jeher Hochkonjunktur, auf diese Weise können sich auch Mugabe und J. W. Bush ihre Göttlichkeit bestätigen lassen.

 
- - - -

... Comment

 
online for 2235 Days
last updated: 2008.09.06, 15:00
Links
Literatur
Youre not logged in ... Login
... home
... topics
... 
... 
... 
Von Bäumen, Gott und Gärten Der natürliche Feind des homo rusticus ist der Baum. Vor...
by philit (2008.09.06, 15:00)
*sehrfreu* - und: Wenn du das verstehen würdest - ich wäre aufs Schwerste beunruhigt!
by philit (2008.09.05, 20:01)
Hallo :-) Ich verstehe das zwar nicht, will aber sagen, daß ich vielleicht wieder...
by aelis (2008.09.05, 14:12)
Unübertroffen Mein Lieblingsschwachsinn psychoanalytischer Provenienz: "So also symbolisiert das erektionsfähige Organ den Platz des Genießens,...
by philit (2008.09.05, 02:19)
Das ist nicht gesund ... Nordic walking setzt sich nun unter der autochthonen Landbevölkerung durch....
by philit (2008.08.29, 00:56)
Unabhängig Abchasien und Südossetien anerkannt. Zeter und Mordio bei allen westlichen Staaten, diese Russen. Natürlich,...
by philit (2008.08.27, 02:51)
hm Das Schaudern, wenn jemand mir sagt, er möchte sein wie ich. Aus mir heraustreten,...
by philit (2008.08.26, 02:38)
Vom Kriege Die immer gleichen Fotos in verschiedenen Variationen: Weinende Mütter, Kinder, Männer über ihre...
by philit (2008.08.21, 14:42)
Verlernen Den Mund öffnen, nach Worten suchen, die Mühe eines Satzes, einer Umschreibung. Abbrechen, nichts...
by philit (2008.08.17, 13:38)
Verlieren Zähne sind dabei, Haare. Träume - die allerdings schon sepiafarben oder schwarzweiß. (Das junge...
by philit (2008.08.04, 02:44)


... antville home
September 2008
MoDiMiDoFrSaSo
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930
August

XML version of this page

Made with Antville
powered by
Helma Object Publisher

kostenloser Counter