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Dienstag, 31. März 2009
philit, Dienstag, 31. März 2009, 17:39 Menschenkenntnis ist gefragt. Mein Blick schweift über die Anwesenden, ich versuche ihnen die entsprechenden Lärmpegel zuzuordnen. Jugendliche, vor allem weiblichen Geschlechts meiden. Je mehr Piercings, je höher der BMI, desto größer die Gefahr, dass ich über sexuelle Eskapaden des vergangenen und zukünftigen Wochenendes unterrichtet werde, über Kaufgewohnheiten und Modetrends. Noch schlimmer: Damen und Herren über 50, in Rudeln auftretend. Da schon zur Schwerhörigkeit neigend brüllen sie einander die neuesten Schlagzeilen zu, erzählen die Kalauer der am Vortag gesehenen Comedyshow und vergessen dabei die ohnehin dürftigen Pointen. Wasserstoffblondierte Damen und beamtete Frührentner beklagen lautstark den Werteverfall, geben das zu vermissen vor, was man ihnen in ihrer Jugend als "Benehmen" eingetrichtert hat. Und sie nehmen kraft ihres Alters in Anspruch, sich über solche Grenzen hinwegzusetzen, sie übertreffend fressend, schmatzend, schreiend den gesamten Nachwuchs um Längen. Es gilt also ökologische Nischen zu finden, in denen mein Überleben gesichert erscheint. (Im übrigen der Fluch der neuartigen Triebwagen: Zwischen Abfahrtsort und Ankunftsort den Waggon nicht mehr wechseln zu können.) Letzte Woche erwählte ich mir einen Zugbegleiter, an der ÖBB-Uniform erkenntlich, gelangweilt aus dem Zugfenster blickend. Langeweile ist auf der Gefahrenlärmskala zwar nicht zu unterschätzen (weil eine starke Affinität zur mobilen Telefonie beinhaltend), aber am anderen Ende der Garnitur wird kartengespielt - also Prinzip Hoffnung. Ohropax. Buch. Plötzlich ohrenbetäubendes, brüllendes Gelächter (Klingelton!). Zugbegleiter scheinen unterbezahlt, der meinige ist freiberuflicher Versicherungvertreter und erklärt nun in einem Tonfall, der selbst die Kartenspieler am anderen Ende mühelos erreicht, die Feinheiten der Autoprämienabstufungen, die Möglichkeiten für die Buschenschankbesitzerin, den Privatwagen als dienstlich genutzt einzustufen, um endlich, nach kurzem Aufstoßen und mehrfach zufriedenem AufdenWanstKlopfen zum gemütlichen Teil überzugehen. Ich erfahre: Betrunken am Wochenende, aber weniger stark als der "Hansi", welcher beim Verlassen des Lokales einen Doppelsalto schlug und mit 8 Stichen genäht werden musste. Seine Frau hat ein Zyste auf den Eierstöcken (hoib sou schlimm, i gschpia nix - dabei), der Sprössling kann auf nur bescheidene Erfolge in der Grundschule verweisen, die eigentlich Ursache aber ist weniger der defiziente Geisteszustand des Nachwuchses als vielmehr der mit der Erziehung beauftragte Pädagoge (Lehra hoid, waast eh, dei san jo ole gschdört, is jo a koa Oawad). Seit der Nachbar seine Frau verlassen hat (oder sie ihn, das ließ sich nicht wirklich erschließen), sei er zusehends dem Alkohol verfallen (sauft wia a Bischtnbinda), ob es sich beim Betreffenden um den einleitend erwähnten "Hansi" handelte war ebenfalls nicht mit Sicherheit festzustellen). Usf., mit nur kurzen Unterbrechungen bis zum Hauptbahnhof, während dieser Unterbrechungen mich beifallheischend ansehen, mir (und ihm selbst) zunickend und Einverständnis fordernd mit den ihm immer wieder demonstrierten Fährlichkeiten des Daseins. Und Recht hat er ... - - - - ... Comment |
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