|
philit, Donnerstag, 28. Februar 2008, 12:31 Genau so hatte es begonnen, wie sich solche Abenteuer in seiner Phantasie dargestellt hatten, wie sie in Filmen zu sehen waren oder von seinen Freunden ihm unterstellt wurden. Eine Hausfrau auf der Pillacher Höhe, in einem dieser umgebauten Winzerhäuser, die von außen so adrett und wie gemalt aussahen, Blumen in alten Autoreifen und Holzgeräte an der Hausmauer, Sensen, Heurechen, die geschotterten und gepflasterten Wege und eine große Terrasse mit allerlei unbekannten Pflanzen. Die Frau, ihre Hand in Gips und sein Angebot, die Einkäufe ins Haus zu tragen, selbstverständlich wäre das, und sie ging voraus in einem Morgenrock und er mit der schweren Einkaufstüte hinterher, alle Dankbarkeitsbezeugungen abwehrend, das sei ja nicht der Rede wert, nein, keinen Tee, keinen Kaffee, aber schon stellte sie ihm eine Tasse auf den Tisch, ein wenig unbeholfen der Gipshand wegen, Milch müsse er nehmen, nein, nichts Schlimmes, eine Entzündung, die Hand müsse nur ruhig gestellt werden. Der Schrecken einer Berührung, als beide nach der Milchtüte griffen, sein Zusammenzucken, alles verwirrend, der Geruch, die Freundlichkeit, der verrutschte Morgenmantel, der einen Teil der Brust freilegte, seine Verlegenheit, der Wunsch wegzusehen und ihr Lachen, als sie die Ursache für seine Unsicherheit bemerkte. Das Aneinanderdrängen der Körper, eine Schwelle war überschritten und fast eilig streiften sie ihre Kleidung ab, sie, immer noch scherzend, weil er sich zwischen Morgenmantel und Negligee nicht zurechtfand, dann ein übereinander Herfallen, das Anstoßen am Tisch, das Überschwappen des Kaffees, immer ihr Geruch in seiner Nase, ein junger Geruch, aber ein alter Körper, die ist ja älter wie ich, war es ihm durch den Kopf gegangen, er sah über ihre Schulter hinweg zum Fenster, wenn jetzt jemand käme, die Blumen, das gestickte Bild einer Alpenlandschaft und hörte das Stöhnen, ihr Stöhnen, sein Keuchen, im Augenwinkel ihre Brust, alt war sie gewesen, faltig, sie stolperten zur Einbauküche, in kleinen Schritten, weil ihn seine Hose über den Knöcheln behinderte, er sah seine nicht ganz frische Unterwäsche, spürte die Peinlichkeit, drückte sich fester an sie, weil sie nicht sehen sollte, und hatte während der wenigen Sekunden, die dieses Abenteuer noch dauern sollte, den Einbauschrank vor seiner Nase, IKEA, ganz sicher, ging es ihm durch den Kopf und endlich war's vorbei, sich noch einmal festklammern, ein letztes Keuchen, dann fest aneinandergedrückt, stehen bleiben, die beginnende Scham, weg, nur weg, was war jetzt noch zu tun, zu sagen, sie strich ihm über den Kopf, entwand sich seinem Griff, verschwand im Bad und während drinnen das Geräusch des laufenden Wassers zu hören war, beeilte er sich, die Hose hochzuziehen, schnell, nur schnell muss das jetzt gehen, was, wenn sie zurückkommt und während er noch immer sein Kleidung ordnete, von der Badtür abgewandt, hörte er schon ihre Stimme, das Lachen von vorher klang durch, eine Art Fröhlichkeit, Unbekümmertheit in der Stimme, Sie haben doch ihren Kaffee noch nicht getrunken, und lächelnd wies sie auf die Tasse, was ihm wie ein Befehl vorkam und ihn sofort zur Tasse greifen ließ, danke, murmelte er, danke, trank nochmals, um nicht etwas sagen zu müssen, aber sie enthob ihn dieser Sorge, sie werden sich verspäten, meinte sie immer noch lächelnd, und mehr wie ein dankbares ja, ja kam nicht über seine Lippen, ich muss dann, und sie geleitete ihn zur Türe und sah ihn den Kiesweg hinuntergehen, laufen, immer schneller, beim Tor angelangt drehte er sich kurz um und sah sie noch stehen, eine leichte Bewegung mit der Hand machen, eine Abschiedsgeste, als ob sie was zu verscheuchen gedachte. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Freitag, 4. Januar 2008, 15:57 Zum Schluss war dieser Reporter erschossen worden, das war wie in einem amerikanischen Film, einem Western oder Krimi, dort wurden auch ständig Revolver gezogen und Tote gab es in Massen, weil das das Publikum sehen will, weil es spannend ist. Aber seit er denken konnte, hatte nie irgendjemand im Ort auf jemand anderen geschossen, sein ganzes Leben lang hatte er Pistolen immer nur im Film gesehen oder von ihnen gelesen wie bei diesem Böll, der das Mädchen zum Schluss zur Rächerin ihrer Ehre werden ließ. Über den Vater hätte man schreiben sollen, über den Bergarbeiter Peter Blum und ob der auch solche Schmerzen gehabt hatte wie der Großvater, der zum Schluss immer Morphium verschrieben bekam, das Wort Morphium wurde immer ganz leise ausgesprochen, weil es ein Zeichen war für die Ungeheuerlichkeit der Leiden, die im Alter immer ärger geworden waren. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Mittwoch, 2. Januar 2008, 16:17 Und Florian hätte keinesfalls sein Leben lang Kohlsprossen gegessen, keiner hätte das getan, diese Lächerlichkeit, über die er viel und lang nachgegrübelt hatte, über die er abwechselnd verwundert und verärgert war. Als Kind hatte das begonnen, des Vaters Leibspeise und der Sohn als die Fortsetzung dieses Vaters gedacht hatte sich irgendwann auch dahingehend geäußert, wahrscheinlich ohne gedrängt oder dazu aufgefordert worden zu sein, ja, das schmecke ihm, und der Vater hatte ihn stolz angesehen, mein Sohn, manches vererbt sich, manche Ähnlichkeiten erhalten sich, aber schon in der Bekundung einer Vorliebe, die er nie gehabt hatte, schon während des Sprechens war ihm die Unsinnigkeit aufgefallen, die Endgültigkeit, hatte er die Angst verspürt, aus dieser unbedachten Äußerung nicht mehr heraus zu finden - und vielleicht war es dann auch genau diese Angst gewesen, die das zur Realität werden ließ. So saß er am Mittagstisch, als Kind, als Jugendlicher, hilflos auf die ihm servierten Kohlsprossen blickend, immer wieder mit dem Wunsch, das Missverständnis aufzuklären, an Ausreden feilend, früher, ja, in seiner Kindheit, da hätte es ihm geschmeckt, nun aber, es sei eben anders geworden, dann aber wieder wurde ihm das alles unmöglich, er meinte seinem ersten Betrug einen zweiten hinzuzufügen, eine Enttäuschung zu bereiten, erklären zu müssen, warum er all die Jahre kein Wort gesagt hatte und gleichzeitig zu wissen, dass es vollkommen unmöglich sei, dies wirklich zu erklären, er ahnte die Fragen und erwog seine Antworten und wusste, dass er das einfach nicht würde begreiflich machen können. Dass später seine Mutter ihrer Schwiegertochter gerade diese kulinarische Vorliebe mitgeteilt hatte, auch die Zubereitung, am besten in Butter schwenken, ein wenig Kümmel, Pfeffer, Majoran ..., dass er auch auf Hildes erwartungsvollen Blick nur ein hilfloses "danke" und "sehr gut" zustande brachte und seiner Frau gegenüber sich ähnlich machtlos fühlte wie zu Hause, wie eigentlich überall, das schien ihm wie ein Wink des Schicksals, als ein Zeichen, dass sich eben gar nichts verändern könne, alle Veränderung bloß Schimäre sei, etwas, das man sich wünscht oder einbildet oder auch braucht, um weiterleben zu können, das aber keine Entsprechung in der Wirklichkeit hat. Und so würde er zeitlebens Dinge essen, die ihm keinen Genuss bereiten, würde niemandem je davon erzählen, seine Frau, seine Mutter, den Vater in ihrem Glauben lassen, weil er einmal eine Weiche gestellt hatte, zufällig, einzig um irgendetwas zu sagen, um eine kleine Freude zu bereiten, obwohl die gar niemand von ihm erwartet hatte. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment |
online for 2359 Days
last updated: 2008.12.31, 03:01 Links
Literatur
Youre not logged in ... Login
... home
... topics ... ... ...
Was zu derart Amüsantem
wie Martensteins Glosse führt, darf nicht strafbar sein.
by i. (2008.12.31, 03:01)
Ich muss meine hochgeschätzte Juristin
befragen: Ob sich hinter solch einer Aufforderung (Schreiben Sie...
by philit (2008.12.30, 22:07)
(Denk Dir einfach die
esoterische Hausfrau als Bogen Überleitung:)
Empfehlenswert.
by i. (2008.12.29, 23:51)
Zu Chr. Hitchens: Der Herr
ist kein Hirte Seit es Anhänger eines vorderasiatischen Propheten unternommen...
by philit (2008.12.20, 16:42)
Das Mädchen von damals III
Nun hab' ich also doch geschrieben - und Antwort bekommen....
by philit (2008.12.06, 20:55)
Unterhaltung Aus der Kategorie Unterhaltung:
Neben der humorigen Messerstecherei erfahre ich u. a., dass Klaus...
by philit (2008.12.02, 16:07)
Twitterjournalismus - oder wer hat
den Größeren? Der Blogjournalismus twittert wieder ganz aufgeregt. Bombay, Mumbai,...
by philit (2008.12.01, 16:40)
Nein, aber der Umstände halber
fällt mir zur Zeit immer wieder Burger ein, seine...
by philit (2008.11.27, 03:10)
War gestern H.s Todestag?
by i. (2008.11.27, 01:46)
tractatus logico-suicidalis - in memoriam
Die schönen Augenblicke sind auch die schrecklichsten. Durch die man...
by philit (2008.11.26, 21:05)
... antville home
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||