|
philit, Sonntag, 26. Oktober 2008, 19:21 Die anderen sind dann doch nur dazu da, sich nicht auf sich selbst einzulassen. Auch die Bücher, das alles führt immer wieder weg und lenkt ab. Eine Gradwanderung, man versinkt in Bücher und Menschen, vertrottelt früher oder später. Eher früher. Versinkt man in sich selbst, fällt man in sich selbst hinein, dann bleibt nur das Umbringen. Sich selber kann man gar nicht aushalten. Das muss gar nichts mit Einsamkeit zu tun haben, man kann als Robinson lebenslang auf einer Insel sein und von sich selbst meilenweit entfernt. Dann hat man halt Bäume und die Fische und den Strand und außerdem die Sorge ums Essen. Lebenssorgen sind überhaupt das Beste, sie lenken am stärksten ab, im Zweifelsfall erfindet man sich welche. Die westliche Welt ist den ganzen lieben Tag über damit beschäftigt, sich allerhand Sorgen zu erfinden und leisten damit der Vertrottelung Vorschub. Und wenn einer das nicht will, wenn er weg will, keine künstlichen Sorgen und künstlichen Menschen und Bücher, die einen ärgern oder freuen, dann bleibt ihm gar nichts anderes übrig als das Umbringen. Da schaut man an sich herab und spürt die ganzen Scheußlichkeiten, das Elendige der Existenz, das Grauenhafte. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Sonntag, 4. Februar 2007, 05:07 Später ertappte er sich selbst einmal bei seinen Zukunftsplänen, dabei, die nächsten Wochen und Monate zu überschlagen, ertappte sich bei dem Gedanken, dass dann zumindest schon Herbst sein würde und damit der Sommer überstanden. Und spürte plötzlich, dass es ihm nur noch um dieses Überstehen ging, nicht mehr um das Leben oder irgendeine Freude oder gar eine Zukunftsvorstellung, sondern dass er existierte wie man einen Hindernislauf oder Parcours absolviert. Auf diesen Platz gestellt rannte er weiter, müde schon, desillusioniert, einzig aus dem Grund, weil man gar nicht stehenbleiben konnte, weil die Zeit voranschritt, man selbst in dieser Zeit war. Von Freude konnte da nicht die Rede sein, nur die fundamentalen Bedürfnisse galt es zu befriedigen, wovon etwas zu essen kaufen, wo schlafen, wie das nötige Geld verdienen. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Mittwoch, 13. Dezember 2006, 15:43 "Die einzige Rechtfertigung der Existenz liegt im Kranksein. Während dem Maroden noch einiges nachgesehen werden kann, bleibt dem Gesunden nach Durchsicht der Bücher nur der möglichst kostengünstige Selbstmord." - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Sonntag, 3. Dezember 2006, 00:51 So ein Tag kann lang sein und vorher noch eine Nacht und du bist eine Stunde früher schon das erste Mal dort und gehst noch eine Runde und schaust in die Schaufenster, aber noch viel öfter auf die Uhr und merkst, dass das mit der gleichmäßig vergehenden Zeit der überhaupt größte Blödsinn ist, den es gibt, weil die vergeht überhaupt nicht im Vergleich zu der Zeit im Kino, die so schnell vergangen ist, dass das direkt schon ein Witz gewesen ist. Und du schleichst herum um den Alleebaum und dann kommt sie doch, sogar fünf Minuten zu früh und du gehst hin und sagst hallo oder servus und sie lächelt und du sagst irgendwas, denkst aber nur daran, wie das Ganze jetzt ausdehnen, wie sie dazu bewegen, dass sie nicht gleich wieder geht, weil sie wollte dir ja nur irgendwas mitbringen, das, was als Ausrede fürs Treffen gedient hat. Und du traust dich tatsächlich und fragst, noch ein bißchen durch die Stadt spazieren und sie sagt ja und ihr geht wieder nebeneinander und es ist so schön, dass es fast nicht auszuhalten ist und dann ist da ein kleiner Spielsalon mit Flipperautomaten und anderen Geräten und den Salon kennst du, da braucht man nichts trinken, kann man rumstehen und ihr geht rein und seht einem Bekannten zu beim Spielen und steht zwischen die Automaten gepresst ganz eng aneinander. Irgendwo muss man seine Hände hinliegen und sie ihre natürlich auch und da liegen sie auf einem der Spielautomaten und sind zuerst fünf und dann drei und dann einen Zentimeter voneinander entfernt, deine Rechte und ihre Linke und du bemühst dich dem Spiel zuzusehen und bewegst dich ein wenig und spürst an deinem kleinen Finger der rechten Hand den kleinen Finger ihrer linken Hand und du kannst noch immer glauben, dass das alles Zufall ist, weil halt Gedränge und viel los, aber dein Herz schlägt, als ob es explodieren würde und du stehst wie gebannt und schaust auf das Spiel und die rollenden Kugeln und hörst das Geblubber und Gezische aus den anderen Automaten und noch immer die Hand, und weil du nun schon mindesten fünf Minuten oder zehn Minuten oder schon eine ganz Ewigkeit da genau so stehst, bist du dir gar nicht mehr sicher, ob du den wichtigsten Quadratzentimenter deines Körpers noch spürst und bewegst ganz leicht, einen Millimeter, wirklich nicht mehr, den Finger, weil du noch ständig glaubst, dass das alles nur Zufall und gar nicht wirklich sein kann, dass das nur ein Traum ist und sich alles noch als ein großer Irrtum entpuppen wird. Aber nix da, der Finger bleibt und irgendwie, nach einer Ewigkeit sind die Finger sogar eingehakt und dann weißt du wirklich, dass es das Paradies gibt und dass dein Herz auch mit superhohem Blutdruck fertigwerden kann, weil jeden Herzschwachen in dieser Situationen schon längst der Schlag getroffen hätte. Und dass dann alles wirklich so ist, wie du geträumt hast mit stundenlangem Sich Ansehen und über die Wange streicheln und Herzchen ins Gesicht zeichnen und ganz behutsamen, ersten Küsschen und Küssen, das kannst du eigentlich gar nicht glauben und die Frage eines Bekannten, ob du denn nun mit der Neuen schon im Bett gewesen seist, gestellt nach einer Woche, die kommt dir so sonderbar und fremd vor, weil du tatsächlich noch nie daran auch nur gedacht hast, das hast du vielleicht bei anderen mal gedacht, wie das denn wäre, aber deine Prinzessin ist außen vor und es ist schon eine Zumutung, dass dieser Trottel sowas überhaupt nur denken kann, auch wenn man eben schon 17 ist und Alkholiker und alles Mögliche und man eben wie selbstverständlich mit den Weibern ins Bett soll. Aber, endlich hast du auch einmal Glück gehabt und das mit den Illusionen und Träumen hat einmal auch was Gutes gehabt und ihr habt noch gewartet ein paar Monate, bis es dann endlich passiert ist und du an dem Tag dann geglaubt hast, du kannst dich gar nicht mehr unter die Leute trauen, weil die würden dir das sofort ansehen und du nicht mehr gewusst hast wohin mit all dem Glück. Ist aber trotzdem so, dass dann alles wieder schief geht, weil keine Prinzessin die Sauferei aushält und die Aussichtslosigkeit und Hilflosigkeit, und nicht nur sie hält es nicht aus, du selbst hältst es nicht aus, du willst dann gar nicht mehr, weil eh alles keinen Sinn hat und sich nichts ändert und du, solange du so jung bist, einfach keine Chance hast, da rauszukommen, was bis zu einem bestimmten Grad auch stimmt. Aber eine Prinzessin war sie trotzdem und lieb und wundervoll und eigenartig, solche gibt's sogar mehr und wirklich begriffen hast dus nie, was sie an dir gefunden haben oder vielleicht immer noch finden und auch sie haben das wohl nie so ganz verstanden. Aber in dem Augenblick macht das nichts, wenn mans nicht versteht, es selbst nicht versteht, weil man dann halt einfach glücklich ist, so glücklich, dass man gar nicht erst groß nachfragt. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Samstag, 2. Dezember 2006, 21:33 Aber eigentlich war auch die Vorplatzküsserin sehr lieb, denn sie hat niemandem erzählt, dass du davongelaufen bist und keiner hat dich ausgelacht und du hast dir keine Geschichte ausdenken müssen, warum du gelaufen bist, im Gegenteil, die scheint dich grad deshalb mehr gemocht zu haben, weil du Angst gehabt hast und wenn du nicht viele Jahre später, als du dich deshalb nicht mehr zu schämen brauchtest, davon erzählt hättest oder darüber geschrieben, dann wüsste es ohnehin keiner. Und dass das mit der Prinzessin dann wirklich geklappt hat, das war dann überhaupt das größte Wunder, und Glück und Zufall waren natürlich auch dabei, weil einfach ansprechen, das wäre ja unmöglich gewesen, das war immer unmöglich und wäre es heute noch genauso. Wenn es aber die Freundin einer zwar nur flüchtig Bekannten ist, dann wird das eine Spur leichter, wenngleich man erstmal mit dieser Bekannten erst wieder mehr reden und auch dazu irgendeinen Vorwand finden muss, und dann muss man die Prinzessin erst mal allein sehen und dann kann man sie nach der Bekannten fragen und hört, dass sie auf genau diese Bekannte wartet und da erklärt man sich halt bereit, ein bißchen mitzuwarten und die Zeit zu vertreiben, bis die kommt und die beiden dann ins Kino gehen. Das allergrößte Glück aber besteht schließlich darin, dass diese Bekannte aus welchem Grund auch immer nicht kommt und man sich als Kinobegleitung selbst antragen und anbieten kann, weil man ja eh grad sowieso und zufällig nichts vorhat. Wer aber nur glaubt, dass Kino und finster und so weiter, der täuscht sich ganz gewaltig, weil in dem Kino es zwar finster war und der Film auch ein rechter Blödsinn, was halt so läuft in den 70igern am Land am Sonntagnachmittag, aber da sitzt du stocksteif daneben und denkst nicht mal im Entferntesten daran, die Angebetete auch nur anzusehen geschweige denn zu berühren oder sonstwas zu machen, weil das ja auch eine echte Prinzessin ist und es schon an ein Wunder grenzt, dass du überhaupt neben ihr sitzen darfst. Nur heimbegleiten, darum traust du dich zu fragen und sie sagt ja und du wünscht dir, dass sie irgendwo weit wohnt, egal wo, aber möglichst weit weg und dass der Weg noch enger wird, weil du so ab und an an ihre Schulter stößt und dir vorkommt, als ob du jedes Mal einen elektrischen Schlag kriegst, aber nicht irgendwie schmerzhaft, sondern so wie Weihnachten und Ostern und überhaupt alles zusammen. Und das Reden klappt auch einigermaßen und das Wichtigste ist, dass dir irgendein Grund einfällt, warum ihr euch morgen wieder sehen könnt, wenn sie halt Zeit hat und zufällig auch nichts Besseres vorhat, und tatsächlich, unglaublich, sie hat Zeit und du könntest die ganze Zeit nur Luftsprünge machen oder denkst dir, du musst das jetzt genießen, den Weg genießen, jeden Meter, weil trotz allem kommt das vielleicht nie wieder und du denkst dir, jetzt muss ich glücklich sein, ganz glücklich, weil mehr Glück geht ja eigentlich nicht mehr. Und ganz zum Schluss reißt du noch irgendwo einen Flieder ab und schenkst ihn ihr und sagst halt irgendwas, als Entschädigung für die langweilige Begleitung und am Gartentor rennst du dann davon, weil du die Mutter siehst und Angst kriegst und gehst den gleichen Weg wieder zurück und weißt nicht ein noch aus vor lauter Glück und Furcht und dass das alles nur geträumt war und ob sie morgen wirklich kommt, dort, bei dem Alleebaum um drei Uhr nachmittag. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Samstag, 2. Dezember 2006, 18:13 Wenn du krank liegst, und das schon ein paar Wochen, dann fallen dir alle möglichen Sachen ein, Sachen, die du schon längst vergessen hast oder von denen du gehofft hast, dass sie vergessen wären. Da liegst du und hast ein Buch vor dir, aber zwischen all den Zeilen sind nur deine eigenen Geschichten, aber blöderweise kannst du sie nicht mal aufschreiben oder in die Tastatur tippen, weil du schon eine Ewigkeit brauchst, bist du aus dem Bett rauskommst wenn du rauskommst und dann musst du den Stock finden und dich zum Einschaltknopf runterbeugen und nach all dem tut dir alles schon wieder so weh, dass du dich lieber wieder ins Bett legst. Und wieder das Buch nimmst und über dich nachdenkst, wie das war vor 20 oder 30 oder noch mehr Jahren, und die Mädchen fallen dir ein und du merkst, dass du sie nicht mehr alle zusammenkriegst, dass du an manche schon seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht hast und an manche vielleicht nie mehr denken wirst. Aber die fallen dir eh nicht ein. Im Alkohol und auf der Straße ists nicht weit her mit Idealen und gerade an Liebe oder Prinzessinnen oder derartige Träumereien braucht man da nicht viel zu denken. Aber das war doch das einzige, was trotzdem einigermaßen geklappt hat, wenigstens zu Anfang. Da war es einmal so, dass Idealvorstellungen und Illusionen etwas Positives hatten und du einem besoffenen ersten Mal auf einem Autositz oder an einen Baum gelehnt im Stadtpark entgangen bist, weil du halt gedacht hast, grade das muss aber schön sein, unbedingt, wenn schon alles andere Scheiße ist. Irgendein Kartenspiel mit auszuspielenden Küssen in einem kalten Extrazimmer eines Gasthofes, und du kannst dich nicht davor drücken, ohne dass dich die andern auslachen und versuchst dem auszukommen, in dem du ständig auf das Klo rennst und zur Schank gehst, weil dir vor den beiden Mädchen graust, an denen die anderen die ganze Zeit rumdrücken und rumknutschen und dann bist du saufroh, als die Wirtin reinkommt und über die Sauerei und die Ferkelei schimpft, die da im Gange ist und du musst nicht mehr ran und keiner kann sich vorstellen, dass du nur einfach glücklich drüber bist, nicht geküsst zu haben. Und dann diese andere, einige Wochen oder Monate darauf, uralt war sie, mindestens 18 wenn nicht gar 19, der du aus unerfindlichen Gründen gefielst und mit der du dann plötzlich auf dem einsamen Platz vor dem Kirchencafé standest und die dich an sich drückte und umarmte und dir einen Kuss gibt und du presst die Lippen zusammen und hast einfach nur Angst, obwohl du mit 15 oder 16 schon ein Großer bist und vorbestraft und überhaupt ein wilder Hund und du weißt nicht, wie dir wird und dann rennst, du rennst einfach los, immer weiter, den ganzen Kreuzweg hinunter, weil du einfach spürst, dass du das so nicht willst, dass du von ganz anderem träumst und dass du, wenn du schon sonst ein Scheißleben hast und auf Bahnhofklos schläfst oder in den Gasthäusern auf dem Tisch einpennst in einer Haltung, die sie schon nach dir benannt haben, weil du halt täglich irgendwo in einem Gasthaus deinen Rausch ausschläfst, dass du halt bei all dem dann wenigstens den Traum von der Traumfrau weiterträumen möchtest, von dem Mädchen, dass dich nicht umarmt und küsst, sondern stundenlang dir nur in die Augen sieht oder bloß deine Hand hält oder dir über die Wange streicht und sich nicht nach dem nächstgelegenen Präservativautomaten erkundigt. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Mittwoch, 29. November 2006, 23:40 Wenn du immer gesagt kriegst, dass du eh nichts kannst, alles falsch machst, dann hast du das immer in dir drin und später, wenn du einen Polizisten siehst oder den Vorarbeiter oder den Chef oder auch nur einen Lehrer und der schaut dich an, dann kriegst du sofort ein schlechtes Gewissen. Auch wenn das besser wird mir der Zeit, ganz geht das nie mehr weg, und die ersten Male, wo dich so jemand lobt oder dich gar um etwas bittet, da kommt dir das ganz komisch vor. Du musst nämlich selber "bitte" und "danke" sagen und wehe wenn du es nicht sagst, aber dass so etwas zu dir gesagt wird, das ist undenkbar, weil das ja bedeuten würd, dass du auf der gleichen Höhe bist mit dem anderen - und das brauchst du dir wirklich nicht einzubilden. Das Ärgste aber, was du machen kannst, ist, dass du dich drüber aufregst, denn dann kommt der Hinweis auf das Alter und dass du später schon noch sehen wirst, aber jetzt dir gar nicht einbilden brauchst, dass du zurückreden darfst, das ist das Allerschlimmste, da könnte ja jeder kommen und überhaupt ist das in der Welt so und dann kommen noch ein paar Sprichworte oder Redensarten von den Füßen, die man unterm Tisch hat oder das Lehrjahre keine Herrenjahre sind. Und auch wenn du dich später traust, etwa beim Bundesheer und nicht mehr immer still bist, so hört das Geschrei nicht auf, aber das Schreien ist dann gar nicht mehr das Schlimmste, wenn der Oberwachtmeister dir sagt, dass das Gewehr für dich denkt und deine Braut ist und du die nächsten 9 Monate bestenfalls von ihm gefickt wirst, weil der ja nur ein paar Sprüche auswendig weiß und du ihn leicht lächerlich machen könntest. Das Schlimme, das wirklich Schlimme ist, dass die anderen zusehen und kein Wort sagen und noch ärger, dass sie sich alle über dich ärgern, obwohl du tausendmal im Recht bist und das auch weißt und auch, dass es die andern wissen, du sollst nichts sagen, weil das dann die ganze Gruppe betrifft und die haben noch mehr Scheißangst oder zumindest wollen sie ihre Ruhe haben und mit Gerechtigkeit oder solchen Sachen brauchst du denen gar nicht kommen, weil die wollen am Samstag weggehen und haben kein Problem damit, zu allem ja zu sagen und in jedes Dreckloch zu hüpfen, solange ihnen der Ausgang nicht gesperrt wird. Die schimpfen erst dann, wenn sie niemand hört, aber aufregen, das hat ja eh keinen Sinn, siehst eh, wird gar nichts besser und da brauchst du erst gar nicht groß anfangen zu erklären, da musst du höchstens aufpassen, dass dich nicht die ganze Gruppe am Ende von einem dunklen Gang erwartet und dir dann was erklärt, was du so schnell nicht mehr vergisst. Das ist dann wirklich schlimm, wenn du dich traust, richtig traust und auch alles Mögliche auf dich nimmst und dann kriegst du nicht bloß vom Oberwachtmeister den Befehl zum Rapport oder wirst mal über Nacht in Ordnungshaft genommen, dann sind es vor allem die sogenannten Kameraden, die sich als die größten Duckmäuser und Kriecher herausstellen und die sich sofort mit dem Vorgesetzten solidarisieren und auf Verständnis machen, ja, der regt sich eh bei allem auf, Bubi halt und Besserwisser, wahrscheinlich verzogen von daheim, wo du aber auch nur Watschn gekriegt hast. Und vor allem weißt du dann, woher diese Oberwachtmeister und Feldwebel und Väter kommen, dass sie jetzt deine Kameraden sind und du weißt auch, warum dir vor diesem Wort "Kameraden" so sehr graust und weshalb du gerade mit den ganzen Leuten nicht zusammengehören willst. Das bleibt auch immer so, wird bestenfalls zivilisierter, das Aufregen wird zivilisierter und die Arschkriecherei dezenter betrieben, das erfährst du als Klassensprecher und Schulsprecher und Landesschulsprecher, wo dann alle zu dir kommen und dich um dies und jenes bitten, weil du dich ja traust und halt keine Angst haben brauchst, obwohl dir nie jemand sagen kann, warum ausgerechnet du keine Angst haben solltest, und die dann immer hinzufügen, aber sag bitte nicht, dass es wegen mir ist, weißt, dann krieg ich vielleicht eine schlechtere Note im Halbjahrszeugnis, einen Dreier in Biologie statt einen Zweier und dann bricht natürlich die Welt zusammen. Dann wird noch ein bißchen herumgeschleimt und du kriegst das Kotzen nicht wegen der Lehrer oder des Direktors oder irgendeinem fettärschigen Hofrat, von denen du ohnehin nichts erwartet hast, sondern du kriegst das Kotzen wegen diesen zukünftigen Lehrers oder Direktors oder Hofrats. Aber wenn du glaubst, dass das auf der Universität anders wird oder gar in einem Betrieb, da hast du dich getäuscht, aber das glaubst du eh längst nicht mehr, dort ist es dasselbe oder noch ärger und du kriegst höchstens den Ruf eines besonders Mutigen oder Blöden, wenn du dann mal zu jemanden, der dir irgendwie vorgesetzt ist, laut und vernehmlich sagst, "mit Verlaub, ich halte dich für ein Riesenarschloch und will dieses mein Diktum auch nicht in der nächsten Supervision diskutieren, weil es am Wahrheitsgehalt nichts ändern würde". - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Dienstag, 30. Mai 2006, 01:46 Jahre. Schwielen. Schmerzender Rücken. In allem zunehmende Freude, trotz der Ungerichtetheit des Bestrebens - vielleicht deshalb. Des Morgens undeutlicher, nebelhafter Frohsinn, das Wissen um die Arbeit. Dann das Gewölbe des unterirdischen Weinkellers gefunden, Relikt des längst verfallenen Hauses. Belüftungsschächte, Eichenbohlen, im Haar die Erklumpen, in den Armen der Schmerz und die Kraft. Nie zuvor im Leben hatte er solch eine Anstrengung unternommen, mit solcher Konsequenz gearbeitet - und ahnte doch nur schemenhaft, wofür die Mühe. Liszt, kaskadenhaftes Klingen am Abend, später, viel später, nach illegaler Elektrifizierung auch im Steingewölb'. Tief unten. "Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen, kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben, Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben; das, was man war in unendlich ängstlichen Händen, nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug." (mv) - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Sonntag, 28. Mai 2006, 15:02 Das Anwesen stand im Geruch des Unheimlichen. Anselm wie vom Erdboden verschluckt; nach Monaten, da sich die zuständige Gemeinde wegen ausständiger Kanalbenutzungsbeitrages entschloss, ihren Sekretär höchstselbst vorbeizuschicken, wurde diese Tatsache hochoffiziell. Offenkundig war der Besitzer seit längerer Zeit abwesend, einer Vermisstenanzeige war kein Erfolg beschieden und nach umständlichen Nachforschungen bezüglich der Erbberechtigten, der Jahre später erfolgten Fürtoderklärung, wurde ein im Ort ansässiger Makler mit dem Verkauf der Liegenschaft betraut. Lange vergeblich, dunkle Gerüchte rankten sich um das Haus, ebenso Brombeerhecken und die Kräuteragnes wollte Höllengestank wahrgenommen haben, wurde aber, weil sie auch sonst allerlei für wahr auszugeben pflegte, nicht ernst genommen. Erst Dr. Glockenschlags Jüngster hatte sich über alle Maßen begeistert gezeigt vom verwilderten Garten und dem ehrfurchtgebietenden Wald mit seinen verwachsenen Eichen und Föhren, so seinen Vater bewegend, das Feriendomizil hier aufzuschlagen. (mv) - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Mittwoch, 24. Mai 2006, 21:27 Später, nachdem der kleine Ägidius Glockenschlag in die Grube gefahren war und die Bescherung ans Tageslicht kam, ward unter vielen Fragen auch eine erörtert, welche sich dem Zusammenhang zwischen Lyrik und Verbrechen widmete, sie blieb, wie die anderen unbeantwortet oder besser: Nicht mehr als ein Stottern und Stammeln, ein hilfloses Radebrechen war zu vernehmen, auch wenn jegliche der oftmals abenteuerlichen Theorien mit Nachdruck und dem Anspruch auf unbedingte Wahrheit verfochten wurden. Einzig der Besuch des feministischen Kegelklubs konnte verifiziert werden, eine Notiz vom 20. 5. xx lässt ihn als das auslösende Moment erscheinen: "Kegelnde Damen in rosarot beerdigen."(mv) - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Montag, 22. Mai 2006, 21:25 Ein großes Werk lässt in seinen Anfängen oft nicht ahnen, was sich bei seiner Vollendung dem Betrachter eröffnet. So auch hier. Wie zufällig ward da begonnen, was erst später Form verraten würde - und vom Standpunkt des Tiefbauingeneurs gesehen waren die ersten Erdbewegungen nichts denn ein simples Erdloch, nicht vergleichbar mit den später entstehenden, von Stämmen und Ziegelwerk befestigten Gangsystem. Das Anwesen war für ein solches Unternehmen denkbar gut geeignet, obwohl es eigentlich dem hätte vorbeugen sollen und entsprechend gewählt war. Vorbeugen der Notwendigkeit eines solchen unterirdischen Systems, ebenso dem Erscheinen Herzelindes nebst ihrer Rosa Kugel. Aber Bekanntschaften, in jugendlich schwachen Stunden geknüpft, hatten, wie Anselm im Lauf der Jahre und Jahrzehnte zu bemerken sich gezwungen sah, Halbwertszeiten, welche der Lebensdauer eines gesunden Menschen sich überlegen zeigten. "Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht, und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht." (mv) - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Montag, 22. Mai 2006, 13:00 Der ungebetene Besuch des Kegelklubs "Rosa Kugel e. V.", welcher einige Verheerung in den Blumenrabatten, umso größere im Kopf des solcherart Heimgesuchten hinterlassen hatte, bewegte Anselm zur Aushebung jener unterirdischen Anlage, welche viele Jahre später Berühmtheit erlangen sollten. Während Anselm mit Pickel, Schaufel und Schubkarre zu Werke ging, empfand er erstmals die Wohltat schwerer körperlicher Arbeit. Noch spät am Kamin spürte er die wohltuende Erschöpfung, seinen angenehm schmerzenden Körper und beschloss, es nicht bloß bei einer einfachen Grube zu belassen, sondern ein System von Gräben und Gängen zu kreieren. Ofenwärme, das Buch auf dem Schoße. "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?" las Anselm laut, wiederholte es, horchte in die Stille. Nichts. Das Holz im Kamin, "und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein". Lachen. "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich." (mv) - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Montag, 12. Dezember 2005, 17:48 "Ein leises Knistern war zu hören, möglicherweise verstärkt durch die Akustik des hohen, gewölbeartigen Raumes. Noch hatten sich R.s Augen nicht an die Dunkelheit gewöhnt, vermochte er nur ein fernes Glimmen an der hohen Decke zu erkennen. Wo war die Tür, die sich mit Raunen und Ächzen vor nun unvorstellbar langer Zeit hinter ihm geschlossen hatte? Feiner Sand rieselte von oben herab, löste sich, ließ vermehrt weißes Licht durch. Und R. erkannte, dass das Gewölbe mit riesigen gotischen Lettern ausgekleidet war; und der sich lösende Sand, Mörtel gab den Blick frei auf leuchtende Buchstaben. "Üb immer Treu und Redlichkeit. Glück und Glas ... Was du heute ... Wo man singt ..." Das Lesen fiel immer schwerer, der feine Staub schmerzte in den Augen, größere Teile lösten sich, ein I-Punkt schlug mit Getöse auf. Nun erst sah R. die unzählige Risse, die Brüchigkeit, während sich mit bedrohlichem Ächzen ein T löste und krachend und splitternd vor ihm aufschlug. "reu und redl" - bereits begannen sich Silben zu lösen, ganze Wörter, fliehen - wohin, ausweichen, doch das Glück begrub ihn teilweise schon unter sich, Schmerz, hilflos eingeklemmt, ein letzter Blick nach oben, wo sich leuchtend die Liebe löste, welche vorgibt, sowohl blind als auch stark wie der Tod zu machen." [mv] - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Donnerstag, 27. Oktober 2005, 20:38 Das Grabmal des unbekannten Soldaten, Gedenkstätte. Zweierlei fällt auf: Zum einen, dass er tot ist, zum anderen seine Unbekanntheit. Hätte man nicht schon zu Lebzeiten einen Gedanken verschwenden sollen an ihn - und hätte der da in sein Unbekanntsein Versenkte nicht selbst denken sollen, bevor er in Stein gemeißelt auf alle Ewigkeit einen anonymen Tod zur Schau stellt? - - - - ... Link (0 comments) ... Comment |
online for 2359 Days
last updated: 2008.12.31, 03:01 Links
Literatur
Youre not logged in ... Login
... home
... topics ... ... ...
Was zu derart Amüsantem
wie Martensteins Glosse führt, darf nicht strafbar sein.
by i. (2008.12.31, 03:01)
Ich muss meine hochgeschätzte Juristin
befragen: Ob sich hinter solch einer Aufforderung (Schreiben Sie...
by philit (2008.12.30, 22:07)
(Denk Dir einfach die
esoterische Hausfrau als Bogen Überleitung:)
Empfehlenswert.
by i. (2008.12.29, 23:51)
Zu Chr. Hitchens: Der Herr
ist kein Hirte Seit es Anhänger eines vorderasiatischen Propheten unternommen...
by philit (2008.12.20, 16:42)
Das Mädchen von damals III
Nun hab' ich also doch geschrieben - und Antwort bekommen....
by philit (2008.12.06, 20:55)
Unterhaltung Aus der Kategorie Unterhaltung:
Neben der humorigen Messerstecherei erfahre ich u. a., dass Klaus...
by philit (2008.12.02, 16:07)
Twitterjournalismus - oder wer hat
den Größeren? Der Blogjournalismus twittert wieder ganz aufgeregt. Bombay, Mumbai,...
by philit (2008.12.01, 16:40)
Nein, aber der Umstände halber
fällt mir zur Zeit immer wieder Burger ein, seine...
by philit (2008.11.27, 03:10)
War gestern H.s Todestag?
by i. (2008.11.27, 01:46)
tractatus logico-suicidalis - in memoriam
Die schönen Augenblicke sind auch die schrecklichsten. Durch die man...
by philit (2008.11.26, 21:05)
... antville home
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||