Worte
 


*Keiner - 9

Getraut hatte er alledem nie. Aber gewünscht, Unrecht zu behalten. Auf später verwiesen von Eltern und Autoritäten hatte er die Hoffnung gehegt, dass ihm Aufklärung und Verständnis würde zuteil werden in einer Zukunft, die alles klären sollte, erklären den Schmerz und die Traurigkeit. Wenn er als Kind weinend im Schuppen auf den harten Kieseln kniete, wenn es aus heiterem Himmel Ohrfeigen setzte, wenn er, weich und müde vom Tag zu weinen begann, es aus ihm herausströmte und nicht enden wollte und er unter Schluchzen hörte, dass das die Strafe sei und in höchstem Maße gerecht, dass diese Verzweiflung einzig er selbst verursacht habe und er später, später verstehen würde, die anderen verstehen würde, die einzig zu seinem Besten ihn so behandelten, sein Unglück zu verringern suchten, dann hoffte er inständig, dass dem so sein möge, er begreifen würde, könnte. Und gleichzeitig wusste er, dass es da nichts zu verstehen geben wird, man ihn mit der Zeitspanne bis zum Älter-, Erwachsenwerden vertröstete, es war das Verweisen einer Religion auf den jüngsten Tag, von dem alle wissen, dass er eine Täuschung ist, eine fromme Lüge, einzig ersonnen, um die eigene Ungerechtigkeit zu ertragen und sie verteidigen zu können.

 
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*Keiner - 8

Hatte sie Recht (wie immer??), war es Zynismus, Sarkasmus, Neid? Mehr als alles andere war es Angst, Unsicherheit. Er bewunderte die Selbstgewissheit anderer, ihre Ernsthaftigkeit. Historisches wurde angemahnt, da und dort, historisch bedeutete: Die Zukunft wird erfahren von den großen Taten der Gegenwart, sie sind es wert, aufgezeichnet zu werden. Und wir, wir alle waren dabei. Unterschiedlichstes konnte in den Genuss einer geschichtlichen Kanonisierung gelangen, das Erreichen des Viertelfinales in einem frei zu wählenden Ballspiel, das Überspringen der Zehn-Prozent-Marke einer Kleinpartei, das Durchbrechen der 5000 Punkte des Aktienindex.

Nicht alles würde die Geschichtsbücher der Zukunft zieren, aber als wichtig empfunden wurden diese Ereignisse. Man sprach darüber, analysierte, diskutierte. Bemühte sich um Beweise für die mannigfaltigsten Belanglosigkeiten. Keiner fühlte sich hilflos, keiner außer ihm. Neid auf eine Welt voller Gewissheiten, in der man wusste, was wichtig war und lebte, als ob man zehntausend Jahre alt würde.

 
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*Keiner - 7

Eines der häufigsten Eigenschaftswörter, mit denen Noras Ehemann bedacht wurde, war "lustig"; lustig sei er, unterhaltend, manchmal auch originell oder geistreich, aber diesen eigentlich positiv konnotierten Ausdrücken war immer ein leiser Ton der Kritik und Distanzierung beigemischt - und vonseiten Noras wurde das Epitheton lustig ganz und gar in Abrede gestellt. Sarkastisch treffe es, abwertend, das Verächtliche seiner Bemerkungen sei den anderen nicht bewusst, sie aber wisse davon, sie kenne ihn - und seinen Einwand, dass sie seine Glossierungen einstmals gern gehört, sich an ihn gelehnt und mit ihm gelacht, über andere gelacht hatte, ließ sie nicht gelten.

Allerdings hätte Keiner sich der lustigen Apostrophierung seiner Person ebenfalls verweigert. Lustig waren Clowns im Zirkus oder Faschingsmasken, bestenfalls Comediens in TV-Sendungen vor ihren menschlichen Studiolachkonserven oder Büttenreden im Karneval. Lustig die rote, aufgesteckte Nase, die eiernden Faschingsverse. Keiner gab vor, bei der letzten Enddarmuntersuchung mehr Spaß gehabt zu haben. Als lustig empfinde er es nicht, wenn Menschen über derlei lachten, eher als traurig, in jedem Fall aber als erstaunlich. Während der letzten Jahre hatte Nora auch hier die Seiten gewechselt, warf ihm Arroganz vor, Überheblichkeit, andere lachten nun einmal gern und er neide ihnen diese Fröhlichkeit, sein intellektueller Dünkel lasse ohnehin keinen Humor zu, bei ihm müssten Witze auf Latein oder gar Altgriechisch erzählt werden und zumindest ein Fremdwort enthalten, das mit Fug und Recht niemand kenne.

 
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*Keiner - 6

Hier war nun der Zeitpunkt gekommen, um die Begleitung zu den kulinarischen Abenteuern bitten zu müssen, bei Nora um die Erlaubnis nachzusuchen, die Aquarelle der Volkshochschulkursabsolventinnen für Fortgeschrittene in der Praxis einer Psychotherapeutin bewundern zu dürfen, auf und ab zu gehen vor den gerahmten Ergüssen, das Sektglas in der Hand, den rohen Fisch verschmähend und sich den Kopf zerbrechend über die seltsamen Zeichen an der Wand. Belsazar dachte er, aber seine Lippen blieben versiegelt, schweig still, babylonischer Herrscher, kein Menetekel, nicht den Weltuntergang herbeireden, den du zuvor gerade vermieden hast.

Meist aber, weil das Ende solcher Diskussionen mit hoher Wahrscheinlichkeit prognostizierbar war, weil die Streitgespräche sich nur in Nuancen unterschieden (etwa dem Herkunftsland der in Frage stehenden Küche - und wer unterscheidet schon zwischen mazedonischen und bosnischen Spezialitäten, wenngleich seit den Kriegshandlungen die geographische Einordnung erleichtert worden war), weil alles also den gewohnten Gang nahm und er dann doch das als richtig Vermutete, meist aber Falsche unternahm, um den Streit nicht ausufern zu lassen, meist also fügte er sich und reichte seiner Nora den Arm ohne alle Renitenz und Widerborstigkeit. Und beging seine Fehler erst später, nach dem Verzehr rustikaler Spezialitäten aus aller Herren Länder und den Weinen hoffnungsvoller junger Winzer, die er bloß nach Farbe unterschied (die Weine!) und deren Bouquet (dito) zu loben er sich außerstande sah. Flüssigkeiten als trocken zu apostrophieren widerstrebte ihm, zu Noras Leidwesen löste aber bouquet- und bezeichnungsunabhängig der kredenzte Trank seine Zunge.

Womit Keiner sich wieder mit der Vergeblichkeit seiner Vermeidungsstrategien konfrontiert sah. Die Vermutung, der Balkanesische Esel habe sein Ablaufdatum längst vor der kulinarischen Aufbereitung erreicht ist seltsamer Humor an der falschen Stelle, auch Psychotherapeutinnen haben Schamgrenzen und wollen auf ausgestellten Werken nicht ausschließlich männliche und weibliche Geschlechtsorgane sehen. Und beide Theorien sollte man nicht mit Nachdruck vertreten, weder den dahingeschiedenen Hausesel noch die Form der inneren Schamlippen. Schweig still. Keiner hat etwas gesagt.

 
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*Keiner - 5

Wenn Keiners Frau etwa eingeladen war, wenn irgendwo ein Essen gegeben, Bilder ausgestellt, Musik aufgeführt wurde, wenn es da also gesellschaftliche Pflichten zu erfüllen gab, so durfte er sicher sein, auf geschilderte Weise seinen Stuhl zu verfehlen. Er konnte ablehnen und sich zum Verweigerer, Eigenbrötler und zur kommunikativen Unperson ernennen lassen, nebenher wurde mangelnde Sensibilität konzediert, nicht vorhandene Empathie und im Gefolge aller dieser seiner sozialen Unzulänglichkeiten die Sinnfrage gestellt, unvermeidlich gipfelte Noras Tirade in der Frage, warum er denn überhaupt geheiratet, sie geheiratet habe.

Fangfrage, selbstredend. Alle Varianten führen unweigerlich zur Bruchlandung.

a) Keine Antwort: Stillschweigendes Eingeständnis, Anerkennung aller Vorwürfe als berechtigt und damit Munition liefernd für zukünftige Schlachten.

b) Der ironische Versuch: Nein Liebste, nicht deiner Freundin Jasmin wegen habe ich dir das Jawort gegeben, ihre zentralafrikanischen und fernöstlichen Kochkünste in Ehren, aber sie waren nicht ausschlaggebend dafür, dass erst der Tod unser beider Scheidung vornehmen kann und darf. Möge er alsbald ein Einsehen haben (letzteres leise!).

c) der verzweifelte Versuch:

- Weil ich dich liebe.
- Wenn du mich lieben würdest, hättest du dich nicht geweigert mitzukommen.
- Ich weigere mich nicht.
- Doch.
- Ich habe Einwände vorgebracht.
- Du weigerst dich.
- Ich hab' bloß gesagt ...
- Siehst du!
- Ich mag keinen rohen Fisch.
- Es ist ein japanischer Abend, was erwartest du? Schweinebraten?
- Roh?
- Ich geh allein!
- Nora!
- Lass mich!
- Bitte!
- Ich gehe jetzt.
- ...

 
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*Keiner - 3

Bravo, sagte sich Keiner, bravo, du Klugscheißer. Jetzt dasitzen und lamentieren, jetzt, wo es zu spät ist, viel zu spät. Schuldig bin ich, euer Ehren, schuldig im Sinne der Anklage, nein, kein Milderungsgrund, die zeitweilige hormonelle Verwirrung zählt nicht, die Tat wurde mit Vorsatz ausgeführt und mehrfach, ich verdiene die Höchststrafe. Festkrallen soll ich mich an der Gehhilfe und meinen zahnlosen Mund mir blutig stoßen an der Schnabeltasse, stinken soll ich mit meinem künstlichen Darmausgang und ein biblisches Alter erreichen im Geriatriezentrum zwischen Pflegern und Schwestern, die mir die Windeln nicht wechseln und eine zweistellige Zahl Kanülen in die Venen stecken. Und am alljährlich wiederkehrenden Gedenktage meines Verbrechens sollen sie mich ans Bett fesseln und vergessen, bis ich wund mich liege und Eiter aus allen Wunden rinnt.

 
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*Keiner - 2

Eine unbedeutende endokrinologische Fluktuation, zwei verschwitzte Körper, sich aneinanderkrallend, in kurzen Spasmen sich schüttelnd und das Unglück nimmt seinen Lauf. Blutverschmiert schreit der Kleine die Welt an, kaum dass die erste Luft in die Lungen strömt. Schreit und alles ist gerührt, der Kreissaal blickt auf das zappelnde Wesen und gratuliert sich, willkommen, schrei nur, das ist gesund, erst später wirst du wissen warum du protestierst, während du jetzt noch unbewusst und instinktiv deinen Unmut äußerst. Willkommen in dieser Welt, schön ist sie nicht und Glück gibt’s nur in kleinen Dosen, aber weiter, immer weiter, nicht abreißen lassen die endlose Linie, wenn sie auch nur im Kreis oder nach unten führt, egal, wir tun alle so als ging’s bergauf, die Wucherung in unserem Kopf, unförmig, unmäßig, wir werden sie benutzen, um uns zu täuschen und etwas vorzulügen, Bücher werden wir lesen oder schreiben und Ausreden erfinden, wir werden in die Welt und auf all die Scheiße sehen und uns bestätigen, wie gut es riecht und bekräftigen, dass alles auf das Beste eingerichtet ist.

 
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*Keiner - 1

Ob es nicht wirklich eine große, die allergrößte Sünde, vielmehr ein Verbrechen ist. Sich fortzupflanzen und einen Menschen zu entlassen in die Welt, irgendwohin an einen Ort des Universums, zu einer beliebigen Zeit, der dann ein paar Sekunden sich quälen darf und traurig sein und Träume träumen, um zu verschwinden und nichts zu begreifen. Armer Kerl! Schreit und kräht jetzt schon, einmal des Hungers wegen, dann wieder anlässlich seiner Flatulenzen - und das seit Wochen. Frühestens nach drei Monaten wird er das erste Mal lachen, alles andere ist Grimassieren, die Vermutung einer Lebensfreude - der illusionären Affenliebe seiner Erzeuger geschuldet. Drei Monate Warten auf die erste Zufriedenheit, das wird so bleiben, in diesem Takt das Leben ablaufen. Und lachen wird er, weil der Magen voll und der Hunger verschwunden, weil ein Mangel behoben ist und keineswegs, weil er sonst Grund hätte zu blödem Gegrinse. Ohne Mangel aber gibt's nichts zu lachen, zuerst wird gelitten, rechtschaffen, später bemäntelt und erklärt, nämlich das Leiden, zur Notwendigkeit erklärt und zum Sinn und Zweck des ganzen Daseins. Armer Kerl! Und ich bin schuld.

 
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last updated: 2008.12.31, 03:01
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Was zu derart Amüsantem wie Martensteins Glosse führt, darf nicht strafbar sein.
by i. (2008.12.31, 03:01)
Ich muss meine hochgeschätzte Juristin befragen: Ob sich hinter solch einer Aufforderung (Schreiben Sie...
by philit (2008.12.30, 22:07)
(Denk Dir einfach die esoterische Hausfrau als Bogen Überleitung:) Empfehlenswert.
by i. (2008.12.29, 23:51)
Zu Chr. Hitchens: Der Herr ist kein Hirte Seit es Anhänger eines vorderasiatischen Propheten unternommen...
by philit (2008.12.20, 16:42)
Das Mädchen von damals III Nun hab' ich also doch geschrieben - und Antwort bekommen....
by philit (2008.12.06, 20:55)
Unterhaltung Aus der Kategorie Unterhaltung: Neben der humorigen Messerstecherei erfahre ich u. a., dass Klaus...
by philit (2008.12.02, 16:07)
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by philit (2008.12.01, 16:40)
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by philit (2008.11.27, 03:10)
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by philit (2008.11.26, 21:05)


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