Worte
 


*LS-III-67

Keine Abschiedsbriefe, es ist alles gesagt, keine Erklärungen. Auch kein Testament, allein das Wort verbreitet Pathos, zu sagen wäre: Dass es nichts zu sagen gibt. Pavese hatte Recht. Keine Worte, Taten. Die Versuchung: Das Leere, das Nichts erklären. Ein Blatt Papier. Varianten. Es tut mir leid. Tut es das? Was genau? Schon schnappt der Mechanismus ein, ein Satz zieht einen anderen nach sich. Es musste sein. Ich konnte nicht anders. Alles Unsinn, alles wie die Fortsetzung eines Lebens, eine rührselige Unzulässigkeit. Vergesst mich. Vergesst mich nicht. Erkenntnis: Es geht mich nichts mehr an. Pavese reicht.

 
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*LS-III-66

Verdrängen: Alle Sentimentalität, deine Tochter (nicht sich fallen lassen, nicht in ihr Gesicht sehen, nicht sie sich vorstellen, alle Schönheit der Erinnerung: Nein!), keine Gefühle erlauben, gedächtnislos sein. Nicht wieder schwach werden, zäh ist so ein Leben, es drängt sich vor, behauptet sich, auch wenn es nur noch grauenhaft ist, unerträglich. Es arbeitet mit Tricks, mit den Erinnerungen, dem Lachen der Kleinen, mit kitschigen Reminiszenzen, dem Streicheln einer Hand auf deinen Wangen, dem Kopf, der sich anlehnt, dem Geruch der Haare, einem gehauchten Kuss, dem sich anschmiegenden Kater. Sich konzentrieren auf das Notwendige, Unumgängliche. Sich nicht mehr trösten lassen, täuschen, einmal, ein letztes Mal konsequent sein.

 
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*LS-III-65

Es gilt zu planen und zu verdrängen. Pragmatisches berücksichtigen. An jene denken, die dich finden werden, darauf achten, dass es fremde, unbeteiligte Personen sind. Niemanden über Gebühr verstören. Die Technik erlaubt eine automatisierte Verständigung, 12 Stunden müssten reichen, 24 wären besser. Dann aber bestünde die Gefahr, dass man doch nachsehen würde, dass dir nahestehende Menschen dich fänden. Erhängte sind kein schöner Anblick. Weiters: Festigkeit des Strickes prüfen, Zuverlässigkeit der Schlinge, Fallhöhe. Bald eintretende Bewusstlosigkeit durch Abschnüren der Halsschlagader, sollte dir dein Genick den Dienst nicht versagen. Die Vorbereitungen seltsam losgelöst von dem, worauf sie abzielen.

 
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*LS-III-64

Aus Büchern kennt man's, aus Erzählungen, man weiß um den Verlauf einer Geschichte, staunt über die Unsinnigkeit des Verhaltens der Personen, ein Schritt nur, ein ganz kleiner, so leicht - und alles wäre in geregelte Bahnen zu lenken. Aber der Protagonist sieht nicht diese Wege, er marschiert drauflos, unbeirrt, verstrickt sich in Schwierigkeiten, wählt falsche Abzweigungen und so gern der Leser ihn an der Hand nehmen und um die Fallstricke herum und auf geraden Weg führen möchte - so wenig ist's möglich. Und man schüttelt den Kopf über so viel Starrsinn, so viel Blindheit, weil's doch so ungeheuer einfach schiene. Und während der schlaflosen Nacht und des müden Tages siehst du manchmal dich auf dieser Bühne, gibst dir selbst Ratschläge, stehst außerhalb und alles scheint so schlimm nicht, ein Anstoß, ein Bemühen, nimm dich doch zusammen, die Versuchung ist groß dir selbst jene Ratschläge zu geben, die du zum Erbrechen oft gehört hast und die in dem Augenblick, in dem du wieder zu dir zurückkehrst, wieder du selbst bist, einen zähen und klebrigen Überdruss gegenüber allem, was da Leben heißt, auslösen.

 
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*LS-III-63

Manchmal, für ganz kurze Zeit, für Augenblicke, gelingt es dir, aus solchen Gedanken Trost zu schöpfen, du lässt die ganze verhungernde und sterbende Menschheit dir zur Erleichterung aufmarschieren, ein tragisches Schicksal nach dem anderen, da ein Moribunder, dort ein Verstümmelter, Verkrüppelter, Blinde, Aussätzige; und betrachtest dieses versammelte Unglück und versuchst durch den Blick in den Spiegel zufriedener zu werden, hoffnungsvoller, zukunftsfroh. Aber dann siehst du auf dem Tisch eine unbezahlte Rechnung, die Gedanken schweifen zu deinem unumgänglichen Besuch bei C., bei deiner Tochter, dein Gewissen erdrückt und erschlägt dich und in Windeseile türmt sich Schwierigkeit auf Schwierigkeit und kein verkrüppelter Krebskranker der Welt hilft dir mehr, einzig der Wunsch nach dem Gang hinaus und hinauf wird stärker, endlich vorbei, nichts mehr ...

 
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*LS-III-62

Und dann denkst du an die immer noch verhungernden und sterbenden Afrikaner und Krebskranken, die wohl tatsächlich sich glücklich schätzen würden mit deinen Sorgen und Gedanken, und die du sogar irgendwie beneidest, weil sie eine, irgendeine Funktion haben, weil sie sozusagen hauptberuflich verhungern und an fürchterlichen Krankheiten sterben, um als Beispiel zu dienen für die Lächerlichkeit deiner dekadenten Depressionen. Und auch wenn du mittlerweile weißt, dass derlei Argumentationen lächerlich sind und falsch, dass sie Zustände und Situationen übertragen ohne auf die Personen Rücksicht zu nehmen, dass der Verhungernde oder Todkranke keineswegs glücklicher wäre, wenn er vor den Balken die Reißfestigkeit des Strickes überprüfen würde, trotzdem empfindest du die Berechtigung des Vorwurfes, hörst das nimm dich doch zusammen und alle anderen müssen doch auch und was es sonst noch an unzähligen Verhaltensempfehlungen gibt.

 
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*LS-III-61

Wie oft hat man dir gesagt, dass du gar nicht wüsstest, wie gut es dir geht, was für ein Glück du hättest mit diesem deinem Leben, und wenn du als Kind bei Tisch über das Essen klagtest, wurden schwere Geschütze aufgefahren, Kriegszeiten und verhungernde Kinder in Afrika wurden dir präsentiert, dein Wohlstand, deine Sorgenlosigkeit dir gezeigt, natürlich auch deine Undankbarkeit. Kaum war ein Kind mit Wasserbauch und Fliegen auf dem mit Wunden übersäten Körper am Fernsehschirm zu sehen, schon wurde auf deine unvergleichlich bessere Situation hingewiesen, Kranke, Todkranke, Behinderte und Krüppel existierten nur, um dir die Kleinheit, das Unbedeutende deiner Probleme und Sorgen zu zeigen, andere wären glücklich, wenn sie dein Leben hätten, wären froh, zur Schule, zur Arbeit gehen zu dürfen, sie wären dankbar im Gegensatz zu dir, der du dich nur beklagst und nicht zu schätzen weißt, wie gut du es hast.

 
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*LS-III-60

Aber das bloße Dasein, das noch Leben, wird immer mehr zu einem pragmatischen Problem, du, der du aus dem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, deine Rechnungen immer bezahlt hast, pünktlich, ja stets vor Ablauf der Frist, weißt, wie bald schon auch das nicht mehr möglich sein wird, leicht auszurechnen die wenigen Monate, für die das Geld noch reicht, und du beginnst kindisch zu sparen, gewöhnst dich daran, ohne Licht durch den Vorraum zu gehen, achtest auf den Wasserverbrauch, kaufst die billigsten Lebensmittel. Und hast, wenn du dir dabei selbst über die Schulter siehst, nur noch Spott und Hohn übrig für dein Dasein, wofür soll da gespart werden, für welche Zukunft, welche Agonie soll verlängert werden um ein oder zwei Monate, welches Ende vermieden, das im Grunde unvermeidlich ist.

 
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*LS-III-59

Einmal hast du's dann doch versucht, kein Herumreden, wolltest ein bisschen erzählen von all dem, von Hilf- und Aussichtslosigkeit, davon, dass du nun in deiner Einsamkeit nicht mehr die Zugfahrpläne auswendig lernen musst, sondern dich mit den Balken am Dachboden begnügen kannst, sogar das mit der nötigen Fallhöhe, um das Ganze abzukürzen, lässt sich dort bewerkstelligen, kein langsames Ersticken, vor allem aber kein zu Unzeiten Gefundenwerden, um als Idiot deiner Umgebung noch weiterhin zur Last zu fallen. Aber zwischen den anfangs verständnisvollen Blicken war alsbald Unsicherheit und Abwehr zu erkennen, so genau wollte man es dann doch nicht wissen, auch wenn man danach fragte, und schon nach wenigen Andeutungen über deinen Zustand spürtest du das Abrücken und Zurückweichen, als ob du im Begriffe wärst, Details von Geschlechtskrankheiten oder Verdauungsproblemen eingehend zu erörtern, das ist unanständig und peinlich und dafür gibt's professionelle Hilfe von Urologen und Psychologen.

 
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*LS-III-58

Freunde melden sich, fragen vorsichtig, fast schamhaft nach deiner Beziehung zu C., ob ihr euch denn getrennt hättet und weshalb und vermuten, was man in solchen Situationen als das einzig Mögliche und Wahrscheinliche betrachtet, ob es da jemand anderen gäbe oder ob vielleicht gar C., aber das wagt man nicht auszusprechen, nur anzudeuten, und was mit dem Kind sei und wie es weitergehe. Aber das weißt du am allerwenigsten, auch wenn du mit Floskeln diese deine Freunde abspeist, ihnen Erklärungen gibst, von denen du annimmst, dass sie sie verstehen, akzeptieren könnten und die so gar nichts mit dir zu tun haben. Und du sprichst die Sätze deiner Umwelt, dass du halt müde seiest, ausgebrannt, nur einmal ein bisschen Ruhe, kein Lärm, aber das würde schon wieder werden, eine kleine Pause und dann zurück und du hörst dich selbst die Sätze sagen, diese Totschlagsätze, die du nie ertragen hast und mit denen du dich zeitlebens herumgeschlagen hast, wird schon wieder werden, man muss ja, geht ja nicht anders und du benutzt dieses riesige Arsenal an Redensarten, um die Freunde wieder loszuwerden, nicht mehr reden, dich nicht schon wieder rechtfertigen zu müssen.

 
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*LS-III-57

All die Versuche, aus diesen Unerträglichkeiten zu fliehen, waren hilfloses Gezappel, waren auch ein Glauben, Glaubenwollen an die Worte der anderen, dass es besser würde, anders, selbstverständlicher, dass sich mit den Jahren ein Automatismus des Ertragens einstellen würde, der auch dich irgendwo hinführt, dich irgendwo sein lässt. Und jetzt bist du hier angelangt, irgendwo weit außerhalb der Stadt, weit weg von jedem Menschen, noch zivilisiert, noch, aber du kannst am Bankkonto ablesen, wie lange du weiterhin Strom, Telefon, Gebühren wirst zahlen, wie lange du noch bei sparsamsten Lebenswandel wirst aushalten können. Dass heute keiner mehr bei uns verhungern müsse hast du oft gehört und schon beim Hören an dich selbst gedacht, selbst für Schmarotzer würde gesorgt, für Tachinierer und arbeitsscheues Gesindel, viel zu gut würde gesorgt, aber auch dafür bist du ungeeignet, auch zum Sozialhilfeempfänger fehlt dir das Talent, das dich doch so viel hätte erreichen lassen, wenn du nur gewollt hättest.

 
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*LS-III-56

Aber du wolltest keine Ausnahmen, im Gegenteil, einzig erträglich wolltest du es haben, es aushalten können, deine Bewunderung für die Spielkameraden, die die Ohrfeigen ihrer Eltern nicht zu berühren schienen, die die Schuldisziplin hinnahmen wie eine Fügung und denen nicht Tränen übers Gesicht liefen, weil die Stunde und das Stillsitzen ewig dauerten, und die später in der Arbeit, in einer dir unerträglichen Eintönigkeit schlicht mit einem "man muss doch" antworteten, ein Müssen, das eine Alternative nicht vorsah, sie nicht erwog, dumm, unfähig jener, der sich gegen ein Naturgesetz beschweren wolle.

 
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*LS-III-55

Und so hast du nichts gesehen und nichts verstanden, dein bloßes Dasein ein fortgesetzter Vorwurf, die Sätze abgewandelt, was du früher deine Eltern angetan hast, tust du jetzt deiner Frau an, und selbst wenn sie dich versteht oder dich zu verstehen vorgibt, so spürst du doch in allen anderen Äußerungen, Worten, dass man sie bedauert, C. habe das nicht verdient, eine so wundervolle Frau, tüchtig, wie immer alle außer dir tüchtig waren, es zu etwas gebracht haben, während du zwar alle Möglichkeiten gehabt hattest, diese dir geboten worden waren, denn auch das ist nicht selbstverständlich, früher war alles viel schwerer, da hätte man sich gefreut oder wäre über Dinge glücklich gewesen, die heute selbstverständlich seien; obwohl du also in all diesen Reichtum hineingeboren wurdest und durch dein Leben keinesfalls bewiesen hast, dass du das verdient hattest, trotzdem hast du nichts aus diesem Leben gemacht, es zu nichts gebracht - und wie immer, wenn du solches hörst, bist du mit all dem einverstanden, gibst du ihnen Recht, das alles ist richtig, die Tatsachen sprechen für sich, du kannst einzig leise sagen, dass das eben für dich nicht stimmt, aber natürlich, das ist kein Argument, im Gegenteil: Immer schon wolltest du Ausnahmen für dich beanspruchen, immer hast du dich außerhalb gestellt, aber du würdest schon noch sehen, dich würde das Leben auch noch lehren ...

 
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*LS-III-54

Auch anderen musst du dieses Weggehen erklären, Worte finden, von denen du glaubst, dass sie verstanden werden, die aber mit deiner Situation, deinem "Sich Fühlen" nicht das geringste zu tun haben, du wählst sie vorsichtig und mit Bedacht und immer im Hinblick auf ihre Wirkung, auf das Beruhigende. Man nimmt es hin und ist doch besorgt, so ganz allein, das findet niemand gut, man fragt nach und ist voller Fürsorge, während du beruhigst und die anderen sich beruhigen lassen, gern beruhigen lassen. Was könntest du auch sagen, was erklären, dass es schwer ist, schon immer schwer war, und dann müsstest du dich mit all den Einwänden beschäftigen, mit all diesen Sätzen, die dir schon ein Leben lang so wenig deine Situation zu beschreiben schienen, die ihre Gültigkeit besaßen, aber ihr Ziel doch immer verfehlten, wenn du selbst das Ziel dieser Sätze warst

 
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*LS-III-53

Aber es gibt kurze Augenblicke des Vergessens, kaum schön zu nennen, denn eine solche Namensgebung wäre ein bewusster Willensakt, eine Rationalisierung, die sofort das Negative des Daseins ins Bewusstsein rufen würde. Nur im erkenntnistheoretischen Vergessen um die eigene Person oder Lage eine bewusstlose Zufriedenheit, die dieses Zustandes der Versunkenheit bedarf, um überhaupt sein zu können. Aber doch ist es wieder nur Flucht, ist es ein Provisorium, wieder ist dir das Leben nur erträglich, wenn du von diesem Leben nichts spürst, wenn es sich nicht bemerkbar macht. Und diese Momente verfliegen und wechseln mit den langen Zeiten in sich versunkener Dumpfheit, in denen du künstlich dieses Vergessen zu erzeugen suchst, aber der Schmerz immer spürbar bleibt, sich sammelt, auf, in dir, du wirst ihn nicht los, auch im Denken nicht und wenn du entfliehst, so doch nur in die Verzweiflung, aus der du noch mit einem Seufzen auftauchst in die bewusste Welt und sie dir die Trostlosigkeit vor Augen führt, dass du die Hände vor's Gesicht schlägst und selbst zum Sterben keine Kraft mehr zu haben meinst.

 
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