Worte
 


*Hl. Christophorus

Ich, sagt der eine, ich steh' in der Wienerstraße. Das trifft sich gut, ich am Blumenweg. Tatsächlich aber stehen die beiden am Hauptplatz beisammen und halten ihre Zwiesprache, wenngleich sie ihre Essenz andernorts vermuten. Und ganz so unrecht möchte man ihnen nicht geben, leben sie doch häufig für ihr Vehikel und finden in einer unübersichtlichen Kurve auch so manches Mal ihre Blechgrabstätte in demselben. Und hoffen darf man, dass bei solchen Ungelegenheiten auf der Außenhaut des Ich nicht noch ein Unbeteiligter klebt.

Ich steh' da und du dort, schön, dass wir uns getroffen haben. Die automobile Identität ist in den Ledersitz vor's Lenkrad gewandert, sie ist aus Blech und PVC und wird von oben gesteuert, wenn sich nicht der Satellit aus seinem Orbit verabschiedet und seine Identität in den Pazifischen Ozean verlegt. Keine Rede mehr, dass alles Gute von oben käme, Schiller hat den strahlenden Elektronikschrott vergessen und den sauren Regen und die perforierte Ozonschicht.

Dort, wo die Blödheit fröhliche Urständ feiert, ist katholische Kirche meist nicht weit, sie hat eine natürliche Affinität zur Einfalt, ohne Glauben keine Armut im Geiste und vice versa - von der unbefleckten Empfängnis ist's nur ein Katzensprung zur weihwasserbespritzen Karosserie, weshalb der arme Christophorus nicht mehr das Jesukindlein über die tiefe Furt trägt, sondern den einen oder anderen Ferrari und Lamborghini und weniger vom Ersaufen die Rede ist, denn vom Ersticken in den Abgasen der gesegneten Luftverpester. Das hätte sich der Heilige wohl nicht träumen lassen, dass er einmal vor den Karren der Automobilindustrie gespannt werden würde, da wird er sich öfter wieder zu seiner Tätigkeit als Fährmann zurückwünschen, wenngleich heutigentags die Beschaffenheit der Fließgewässer ganz andere Gefahren birgt. Wenn etwa eine Papier- oder Chemiefabrik oberhalb der Furt sich angesiedelt hat.

Da stehen sie nun und können nicht anders. Ihre geistige Existenz hat einen Ort gefunden in der Kurzparkzone oder Tiefgarage, das bisschen Geist eingeschlossen und mit Diebstahlsicherung versehen in einem geweihten Blechkasten, den anzubeten sie sich jeden Sonntag entschließen mit Staubsauger, Putzschwamm und Poliermittel. Hallelujah.

 
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last updated: 2008.12.31, 03:01
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Was zu derart Amüsantem wie Martensteins Glosse führt, darf nicht strafbar sein.
by i. (2008.12.31, 03:01)
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