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philit, Dienstag, 29. Mai 2007, 15:31 Über das Boxen zu schreiben ist immer auch gleichbedeutend mit der Verteidigung dessen, was man tut. Wobei das Schreiben im Sinne einer intellektuellen Analyse noch auf Nachsicht rechnen darf, nicht aber die Betrachtung eines solchen Ringkampfes. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass von einem "schönen Knockout" zu sprechen etwas Seltsames, Perverses hat, dass Bewunderung genau das erweckt, was in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen zu Recht verpönt ist: Gut gezielte Faustschläge auf Gesicht und Körper, um den anderen kampfunfähig zu machen. Fast alle, die sich je mit Boxkämpfen beschäftigt haben, versuchten, diesem Dilemma durch mehr oder weniger subtile Argumentationen zu entgehen. Archaisch-männlich sei das, etwas Urtümliches, Selbstverständliches, durch das Regelwerk zivilisatorisch Sublimiertes. Vom "Faustfechten" sprechen andere und singen das Lob des technisch versierten, strategischen Boxens, der einem Schachspieler vergleichbar, durch tiefsinnige Manöver den Gegner zu besiegen wünscht. Jan Philipp Reemtsma schlägt in eine ähnliche Kerbe, wenn er den Boxstill Muhammad Alis ins Philosophische transponiert, das - notwendig - Proteushafte des modernen Menschen betont und die Kampfesführung Alis als genau diesem Typus entsprechend charakterisiert. Liston, Foreman und Tyson sind ihm Beispiele für bloße Urgewalt und Kraft - und er verkennt (oder will es verkennen), dass es sich bei allen auch um technisch hervorragende Boxer handelte, dass deren Schlagkraft ein erwünschtes Akzidens, aber nur auf der Basis gediegener Ausbildung eine solche Wirkung entfalten konnte. Kein Holzfäller, Bodybuilder oder Kraftdreikämpfer wird es im Ring zu großem Erfolg bringen, der kräftigste Wirtshausschläger findet im 65 kg schweren Weltergewichtler seinen Meister. Man rettet sich vor der Brutalität des Boxens also auch nicht durch die Ästhetik eines Ali, durch anthropologische, philosophische, tiefenpsychologische Interpretationen, die, immer und überall möglich, einzig besagen, dass man sich auch der schlimmsten Grausamkeit auf geistigem Wege nähern kann, dass nicht nur blutige Ringschlachten sondern auch Auschwitz und Kriege einer Analyse zugängig sind. Man sucht eine Ausrede, um das Vergnügen an der Brutalität zu bemänteln, man braucht eine Erklärung, muss es rationalisieren, weil man übereingekommen ist, so etwas für verächtlich zu halten. Und immer ist es der Knockout, der das ultimative Ziel eines Kampfes markiert, alle Beteuerungen von Boxern, die ihre Kämpfe über die Punkte gewinnen und das für ihr eigentliches Ziel erklären, tun dies nur, weil ihnen die andere, klarere Variante des Sieges aus welchen Gründen immer verwehrt blieb. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Montag, 28. Mai 2007, 13:27 Einmal ganz anderes schreiben. Das Genre wechseln, auch den Blickpunkt. T. sitzt neben mir auf der Couch, im TV Boxen, Vorkämpfe, die hoffnungsvollen Talente deutscher Boxställe verhauen hauptberufliche Taxifahrer und Müllmänner aus dem Ostblock, die für ihre Bereitwilligkeit als Schlachtopfer zu dienen die entsprechende Entlohnung erhalten. Biographien über Stars, deren Rekorde gibt es unzählige. T. neben mir hat auch eine solche geschrieben, Weltmeister war der Porträtierte, wenn auch ein längst vergessener. Was aber ist mit den unzähligen Verlierern, deren Zahl wie Meyers "Heer der Toten" immer die größere ist, deren Leben, Motivation, Schicksale. Im Geschichteunterricht, beim Memorieren der Lebensdaten sogenannter Großer hatte ich mir vorgestellt, dass irgendwann, in ferner Zukunft, man Epochen anhand frei zu wählender, beliebiger Personen lernen würde. Im Jahre 39477 würde also ein Schüler sich für mich entscheiden, meine Biographie ermitteln, das 20. und 21. Jahrhundert anhand dieser Daten zu verstehen versuchen. Dem träumenden 12jährigen war dieser Gedanke Ausflucht und Motivation. Denn einer, dessen Leben für die Zukunft zum Gegenstand der Historie werden würde, musste auch ein entsprechendes Leben führen. Und so beschloss ich, mich regelmäßiger den Latein- und Englischvokabeln zu widmen, die Mathematikhausübung zu machen, den Religionslehrer nicht zu ärgern. Andererseits aber konnte man nur durch solche Träumerei der ungeheuren Langeweile entgehen, wenn man im Unterricht das sterbenslangweilige Geschichtebuch zu lesen gezwungen war, ein Schüler nach dem anderen einen Absatz nach dem anderen, immer mit dem Blick auf die Uhr, wie lange diese Quälerei noch andauern würde. Geschichte der Verlierer also - oder besser: Die Geschichte der Alltäglichen. Der Nebenerwerbsboxer und hauptberuflichen Illusionäre, deren größter Erfolg immer ein dritter Platz in der Kreismeisterschaft bleiben wird, die sich durch ungeheuren Trainingsfleiß das Recht erwirken, von präsumtiven Stars verprügelt zu werden. Jener, die in Riga oder Tscheljabinsk Frau und Kinder haben und durch Kopfschmerzen und Platzwunden die Haushaltskassa auffüllen wollen. Vielleicht wird was aus dem Projekt. Die Zahl der Seitenaufrufe (um die ich mich leider nie gekümmert habe) lassen es zwar unwahrscheinlich werden - aber dennoch: Kommentare sind diesmal erwünscht, Hinweise, Kontaktadressen. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment |
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last updated: 2008.12.31, 03:01 Links
Literatur
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Was zu derart Amüsantem
wie Martensteins Glosse führt, darf nicht strafbar sein.
by i. (2008.12.31, 03:01)
Ich muss meine hochgeschätzte Juristin
befragen: Ob sich hinter solch einer Aufforderung (Schreiben Sie...
by philit (2008.12.30, 22:07)
(Denk Dir einfach die
esoterische Hausfrau als Bogen Überleitung:)
Empfehlenswert.
by i. (2008.12.29, 23:51)
Zu Chr. Hitchens: Der Herr
ist kein Hirte Seit es Anhänger eines vorderasiatischen Propheten unternommen...
by philit (2008.12.20, 16:42)
Das Mädchen von damals III
Nun hab' ich also doch geschrieben - und Antwort bekommen....
by philit (2008.12.06, 20:55)
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Neben der humorigen Messerstecherei erfahre ich u. a., dass Klaus...
by philit (2008.12.02, 16:07)
Twitterjournalismus - oder wer hat
den Größeren? Der Blogjournalismus twittert wieder ganz aufgeregt. Bombay, Mumbai,...
by philit (2008.12.01, 16:40)
Nein, aber der Umstände halber
fällt mir zur Zeit immer wieder Burger ein, seine...
by philit (2008.11.27, 03:10)
War gestern H.s Todestag?
by i. (2008.11.27, 01:46)
tractatus logico-suicidalis - in memoriam
Die schönen Augenblicke sind auch die schrecklichsten. Durch die man...
by philit (2008.11.26, 21:05)
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