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philit, Mittwoch, 26. November 2008, 21:05 Die schönen Augenblicke sind auch die schrecklichsten. Durch die man erkennt, was alles hätte sein können, was alles nicht ist, nie mehr sein wird. Die Psychiatrie mit ihren zittrigen, trippelnden Wracks, die in einem letzten großen Ausschreiten auf den Bahndamm zugehen, einmal noch gierig Luft in die Lungen saugen, aber schnell jetzt, hinter sich bringen. Hinter sich: Medikamente, Pfleger, Schwestern, verständnisvoll und abstoßend, das Süßliche der Therapeutengespräche, den schalen Geschmack im Mund nach tabletteninduzierten 16Stundenschlaf. Die anderen Patienten, über deren Eigenheiten man gelacht hat, vor denen man sich geekelt hat. Nicht mehr hinaustreten in den Lärm des Ganges, kein Geklapper der Essenswägelchen, der Geruch der Anstaltsküche. Vor dem schwach werden die Aussichtslosigkeit in Erinnerung rufen, die noch bevorstehenden unzähligen, quälenden Jahre. Das erregte Pfeifen der Lokomotive als letzter Ton ... - - - - ... Link (2 comments) ... Comment philit, Freitag, 14. November 2008, 17:25 Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Es kann zu einer Qual verkommen, die zu beenden nur allzu verständlich erscheint. Wobei Jean Amerys Diktum nicht gilt, dass jede Behandlung (psychischer Erkrankungen) schon deshalb abzulehnen sei, weil aus einem bestimmten ein ganz anderer Menschen werde. Eine solche Haltung gibt vor zu wissen, was und wie ein bestimmter Mensch zu sein habe. Der andere, Zufriedene ist dem Unglücklichen aber vorzuziehen. Es gibt kein determiniertes Sein, das Anspruch auf Originalität besäße. Hingegen gibt es das Leiden an der Existenz, eine Unerträglichkeit, die auszuhalten niemandem zuzumuten ist. Es gibt die Lächerlichkeit der Medikamentation, den verzweifelten Glauben daran, dass es sich ändern lassen müsse. Weil es eben unerträglich ist, weil aus diesem Zustand die Unmöglichkeit der Existenz folgt. Die Unumkehrbarkeit der Entscheidung lässt spätere Gedanken akademisch, abstrakt erscheinen, sie kann aber allen Einwänden trotzen. So wüsste ich bis heute nicht, wie H. zu helfen gewesen wäre. Kleists Satz besitzt Gültigkeit, auch wenn es schwer fällt, sie zu bestätigen: "Die Wahrheit ist, daß mir im Leben nicht zu helfen war." - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Dienstag, 15. Januar 2008, 03:19 Die Vorstellung, dass Selbstmörder ihre Aufzeichnungen mit morbiden Symbolen schmücken, mit dem Tod kokettieren, ihn allüberall beschwören würden, dürfte der Phantasie derer entspringen, welche diesen Tod als schmückendes Beiwerk betrachten. Keine Kreuze oder Gräber, immer wiederkehrend der Asklepiosstab. Krankhaftes Gesunden wollen. Und Gedichte, eine Unzahl. Oder seitenlange Abhandlungen über die Verworfenheit von Justiz und Staat. Die Schrift für mich oft unleserlich, das Sichten der ganzen Texte wird zur Lebensaufgabe. Nächtens zu erledigen, an Schlaflosigkeit leide ich keinen Mangel. Die Justitia, ein ewiges Thema. Ein Sammelsurium an Beschimpfungen, "Ratten, Pest, Ungeziefer, Gezücht", "um die Erde mit Schandflecken zu überziehen, genügt es, die Adressen der Justizratten bekanntzugeben"; Entwürfe für Eingaben an Ämter oder Briefe. Eine Theaterszene auf einem Amt zwischen einem Antragsteller und einem Beamten. Die Daten bestürzen. Von seinen Ausfällen gegen Institutionen wusste ich, nicht vom Ausmaß, nicht davon, dass sich dies über Jahrzehnte erstreckte. Nicht von einem Irrsinn, den ich in dieser Intensität erst in den letzten beiden Jahren wahrgenommen habe. Sieben Seiten über den vorderen Hypophysenlappen, die krankhaften Veränderungen. Daran anschließend drei Seiten Montesquieu, und wieder Gedichte, Bilder. Die letzten beiden Jahre eine fortgesetzte Krankheits-, suizidale Methodengeschichte. Immer noch Erschrecken, meinen Namen zu lesen. "Präsent für x kaufen, ein Buch. Einen Weihnachtsbaum!" Er hat mir eine vierbändige Nietzscheausgabe geschenkt, was wollte er mit einem Weihnachtsbaum? Und immer wieder Beschwerdebriefe, an Ärzte, Rechtsanwälte, Banken, öffentliche Ämter. Für heute genug! ![]() - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Freitag, 4. Januar 2008, 18:06 Die Unwirklichkeit des Todes, noch Jahre, Jahrzehnte danach. Erinnerungen an Abschiede, die Bilder im Kopf: Das Fahrrad durch den Torbogen schiebend, noch einmal sich umwendend, eine müde Bewegung mit der Hand. Oder in den klapprigen VW einsteigend, lachend, "auf bald". Das immer Unfassbare dieser Endgültigkeit. Nach einigen Tagen am Grab stehend, auf den Holzkasten blickend, überlegend, was vom Freund, Bruder, wem auch immer da noch enthalten ist. Von einem Körper, über den eine Lokomotive, unzählige Güterwaggons rollen, bleibt kaum etwas, Trümmer. Was ist dann in einem solchen Sarg, werden die Reste hineingekippt, da ein Fuß, dort der Kopf, was geschieht mit den zerfetzten, zertrümmerten, zerkleinerten Stücken? Weggeworfen, Körperteile mit einem Gewicht von weniger als zwei Kilo in die Biotonne? Leichter vorstellbar, dass die Menschen weiterleben, irgendwo, alles nur eine Täuschung ist. Verständnis für die Ewigkeitsvorstellungen aus ontologischer Sicht, das Unverständliche wird mit Hausverstandspatina überzogen ähnlich den plastischen Erklärungsmodellen für vierte Dimensionen und quantenphysikalische Phänomene. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Montag, 5. November 2007, 12:50 Sein radebrechendes Deutsch war Legende. Die unter Schachspielern weit verbreitete Echolalie hat er aufgrund dieser seiner Sprache und des nicht unerheblichen Alkoholkonsums zu ungeahnten Höhen geführt, stundenlanges Wiederholen der unsinnigsten Wortkombinationen. Schon vor über 25 Jahren hat man ihm den baldigen Tod prophezeit, nach drei Herzinfarkten und der lapidaren Feststellung "mit Pumpe (sinnfälliges "An-Die-Brust-Klopfen") kann nur mehr fahren im ersten Gang, wurscht, macht a eh nix" behielt er von den ärztlichen Ratschlägen ausschließlich jenen im Gedächtnis, der ihm den Konsum von Rotwein als herzstärkend empfohlen hatte. Meiner festen Überzeugung nach hat jener Arzt in diese seine Empfehlung eine quantative Beschränkung eingefügt, woran I. keinerlei Erinnerung zu haben vorgab. Er hat über die Verabfolgung von herzstärkenden Mitteln seine eigene, der direkten Schlussrechnung entommene Theorie entwickelt: Wenig Medizin - wenig hilft; viel Medizin - viel hilft. Nachdem dieser sinnfällige Zusammenhang einmal hergestellt war, lebte er dieser seiner Überzeugung gemäß und schaffte es bei einem 24stündigen Tarockmarathon 5 Doppelliter jener in Frage stehenden Medizin zu vernichten. Nebst unzähligen Schachteln "Falk", "wos is so schwoche Zigarettn, dos is wurscht obst rachst oder dia in Oasch steckst. Gschpiast nix. Mocht nix." Hätte ich's nicht mit eigenen Augen (und - das sei hier ausdrücklich betont, in vollkommen nüchternem Zustande) gesehen, mir schiene es unglaublich. "Imma aufi auf Josefkat und owa von Nussbam." Wer's nicht versteht, möge um seine Fähigkeiten bezüglich der Kulturtechnik des Lesens nicht allzu besorgt sein. Und auch der Zusammenhang mit einem Springerzug C3 - D5 wird sich kaum jemandem erschließen. Oft hab ich in den letzten Jahren daran gedacht ihm einen Besuch abzustatten. Daraus wird nichts mehr. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Montag, 24. September 2007, 01:58 Meinen eigenen Namen in den Aufzeichnungen finden, in Verkleinerungsform, fast zärtlich. Nie hätte er mich so genannt, auch wenn ich der vielmals Jüngere war. Dennoch wieder das Bedenken, die Skrupel: Will ich das alles wissen - dann wieder - was mehr könnte ich denn noch erfahren? Fast eineinhalb Jahre Agonie, weit mehr als 1000 Stunden Gespräche. Lachen können während der Planungen, Erörterungen für das Sterben. Wochenlanges Diskutieren der Methodenfragen, Vor- und Nachteile erwägen, lakonisch, pragmatisch. Im gleichen Tonfall hätten wir darüber reden können, ob man Hohlwanddübel verwenden solle, 12mm-Bohrer oder aber doch Mauerhaken. Oder eine Bergwanderung planen. - Das letzte Bild der Mappe. ![]() - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Samstag, 22. September 2007, 21:30 Die Konsequenz, das verzweifelt Unabänderliche, mit der H. seinen Selbstmord betrieben hat, erstaunt mich heute noch. Gleichzeitig die Betroffenheit darüber, die scheinbare Unausweichlichkeit. Keine Kaffeesudleserei a posteriori, andererseits war ein Weiterleben für ihn vollkommen undenkbar, selbst für mich schwer vorzustellen. In der Beschreibung seiner "Leiden" immer wieder das Wort "irreversibel", das Betonen der Unmöglichkeit, dass es sich um eine psychische Erkrankung handle. "Einen psychischen Faktor in Erwägung zu ziehen ist [...] gänzlich abwegig." Angesichts der Tatsache, dass es sich bei H. um einen Menschen mit fundiertem medizinisch-biologischen Wissen handelte, kann man die Beschreibung seiner "Krankheiten" nur mit ungläubigem Staunen zu Kenntis nehmen, etwa: "[...] und durch die Belastung ist die Kopfarterie (ein) gerissen." Das "ein" wurde später hinzugefügt, vielleicht war selbst für seinen Kopf eine "gerissene" Arterie zu viel. Die verrückten und vernünftigen Bereiche führten eine kuriose Koexistenz. Einer anregenden Unterhaltung über das "Gute" bei Sokrates nebst Implikation und Auswirkungen auf die Philosopiegeschichte konnte die Feststellung folgen: "Stell dir vor, x, alle Knochen meiner Beine sind gebrochen, alle. Die Schmerzen. Ich kann nicht mehr ..." Und das aufrecht vor mir stehend, ein Bild der Verzweiflung, des Schmerzes. Er ist lange tot, ich habe noch nicht 2 % seiner irrwitzigen Aufzeichnungen gesichtet. Aber erstmals habe ich nicht das Gefühl, etwas Unanständiges zu tun, in einen Bereich einzudringen, der mir verborgen bleiben sollte. Er hat mir ausdrücklich alles vermacht was er besaß, Geschriebenes, Bücher, Sonstiges. Was einigermaßen von Wert war, hat seine Schwägerin bereits eine Stunde nach seinem Tod gestohlen, eine Frau, die er 10 Jahre nicht gesehen (und gehasst) hatte. Den Anruf seiner Mutter heute noch im Ohr: "Herr x, bitte, kummens schnö, sie trogn olles furt, olles. Ea is doch east a Stund tot." Als ich ankam war die Sache erledigt, alles, was irgendwie Geldeswert zu haben schien, verschwunden. Bis auf wenige zerlesene Bücher - und eine Unzahl von Heften, Zettel, Mappen mit Zeichnungen, Tagebüchern, Geschichten. "Eine Behandlung kann die schweren Verletzungen nicht rückgängig machen oder das unaufhörliche Rauschen abstellen." Der letzte Halbsatz: " [...] dass ich nicht dabei sein muss." - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Sonntag, 18. März 2007, 15:02 Wenn man jemand zum Leben wiedererwecken könnte - wäre man dann so glücklich, wie die Vorstellung dies einem vorgaukelt? Auch wenn man meint, nichts anderes zu wünschen, nichts sonst herbeizusehnen - man wäre es nicht. Die Stärke der Sehnsucht, das Maß der Unmöglichkeit bestimmt den Grad der Verzweiflung. Der Trott des Lebens wäre alsbald erreicht, selbst der Gedanke an den Verlust würde zu einem bloß vorgestellten herabsinken, zu einem nicht fühlbaren. Wahrscheinlich wäre alles andere der eigene Tod. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Donnerstag, 15. März 2007, 17:56 Immer nur ist es der Tod, der berührt, alles zuvor eine Vorstufe. Der Tod der anderen, weil der eigene, wenn nicht selbst herbeigeführt - und selbst dann nur mittelbar - nicht erlebt werden kann. Eingedenk des Worte Epikurs, dass wir nicht sind, wenn der Tod ist und der Tod nicht ist, wenn wir sind. Real aber das Unfassbare und Irreversible des Todes, real in seinem Schmerz, nicht im Begreifen. Rational wird's bestenfalls kosmologisch lächerlich: Angesichts der Bedeutungslosigkeit aller Dinge. Allerdings, Anlass gebend zu allerlei philosophischen Betrachtungen, ist man selbst dieses alles und beklagt den Untergang der Welt. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Mittwoch, 28. Juni 2006, 15:09 Spezifische und schichtenübergreifende Selbstmordmethoden. Die Einführung des Schlachtschussapparates auf den Bauernhöfen ersetzt den Strick, wenn man auch anfangs noch ungeschickt agierte (mein Cousin starb erst Tage später). Frauen gehen ins Wasser, auf dem Land konnte man nur selten schwimmen, Ausnahmen in der Nazizeit, einigen meiner Verwandten wurde die Möglichkeit durch Hitler genommen, "Kraft durch Freude Fahrten" ans Meer. Später, nach dem "Zugrundegehen" des Hofes greift man wieder auf das Erhängen zurück, mein Nachbar hing in der nutzlos gewordenen Scheune. Als Zeitpunkt erfreut sich Weihnachten großer Beliebtheit, man kann trotzdem nicht auf Geschenke verzichten, nur um einigen den Tod zu verleiden. Gefunden am Tag der unschuldigen Kinder; während der Pfarrer den Kindern das Aschenkreuz auf die Stirn zeichnet. Verschämt die "Pate", ging von uns, unglückliche Umstände, Tragik, Überraschung. Sogar eine Messe wird gelesen, alle wissen, keiner spricht, vor allem nicht in der Kirche, der Pfarrer wüsste sich zu verteidigen, er muss unzurechnungsfähig gewesen sein, sonst wär's nicht möglich. Damit entkommt man den Kalamitäten einer Selbstmörderecke am Kirchhof, wer hängt, schießt, ersäuft war nicht unglücklich sondern konnte bloß nicht mehr dazu gerechnet werden. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Mittwoch, 30. November 2005, 16:42 Unzählige Gespräche über Literatur oder Musik. Wieviel davon ins Leere gesprochen - und, meiner skeptischen Geisteshaltung entsprechend die Vermutung, es mögen ausschließlich solche im Nichts versandete Gespräche gewesen sein. Plötzlich, geisterhaft durchsichtig, taucht das Erzählte auf, Tote geben es weiter, die mit zerplatztem Schädel unterm Mönchsberg gelegen haben. Zwischen Erstaunen und kaltem Schauer, der ein wenig erzittern macht, ein bißchen unheimlich das alles ... Ein unwahrscheinlicher Zufall ließ es mich erfahren. Wieviel bleibt in den Köpfen anderer Menschen von all den Worten, Sätzen, wie wird es aufbewahrt, wie sehr entstellt. Hier schien es gut gewesen zu sein, trotz des Sterbens. Wer vermag auch bloß wegen eines Buches oder den Takten der Goldberg-Variationen weiterzuleben. - - - - ... Link (0 comments) ... Comment philit, Donnerstag, 5. Mai 2005, 22:02 ... Link (0 comments) ... Comment |
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by philit (2008.11.11, 18:08)
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Mann? Lustig find' ich die allüberall verbreiteten Umfragen, dass zwischen...
by philit (2008.11.05, 19:46)
p Im Aussprechen wird alles
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by philit (2008.11.05, 17:23)
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