Worte
 


*Sepp I.04

Ich glaube nicht, dass irgendjemand an das Erniedrigende seiner Lage gedacht hat - er war einfach der Sepp. Inklusive all dieser Geschichten - und er dürfte sich auch selbst so empfunden haben. Und es gab Dümmere, Schwächere, die J*-Buam, aus einer kinderreichen Familie vom "Viererhaus", der mit mir Gleichaltrige kam nie über die erste Klasse der Volksschule hinaus. Später, mit 17, 18 hab ich die Wohnung einmal betreten, zwei, drei Zimmer für 6 Menschen, unmöbliert, mit dem Charme eines Kellerabteils, kalt, lichtlos. Fast alle Mütter wiesen ihre Söhne noch in den ersten Schultagen darauf hin, mit dem kleinen J* keinen Umgang zu pflegen - und so weiß man kaum, was denn zuerst war: Seine Anfälle von Jähzorn oder die Ausgrenzung. Er hatte als einziger kein Heft; dann, weil an die Eltern nicht zu denken war, bekam er eines von der Schule - und zerriss es. Noch viele Jahre später wurde das erzählt, das geschenkte Heft, der Bub, der zuerst nur darin herumkritzelte, es dann zerfetzte. Der Hinweis auf die Tatsache, dass es ein Geschenk der Schule war, machte sein Vergehen doppelt schlimm, unverzeihlich, so wurde Unterstützung gedankt, man hat es schon immer gewusst, derlei lohnt sich nicht.

 
- - - -

... Link (8 comments) ... Comment



*Sepp I.03

Seine Kleidung war clownesk, meist eine geblümte Trainingshose in jenem weichen, alten Stoff, der ausgebeulte Knie zeitigt, wie sie noch an manch langen Unterhosen zu sehen sind. Löcher in den Socken, den Schuhen, das immer nur halb in der Hose verstaute Hemd. Er besaß nichts, fuhr Schi mit Gummistiefeln, die Bretter ungleich lang, verschiedenfärbig, als Schistöcke dienten vom Baum geschnittene, einigermaßen gerade Buchenäste, eine unmögliche Haube, uralter Anorak, der nackte Rücken zu sehen. Schon der Kleidung wegen vermied er Hänge, wo auch Fremde fuhren, einmal aber geschah's doch, Schussfahrt, alle blicken auf ihn - dann - an einer Bodenwelle verliert er den linken Schi, vermeidet den Sturz, nur um auf dem verbliebenen Schi frontal in einen Obstbaum zu fahren. Gelächter, Geschrei, niemand erkundigt sich danach, ob er sich verletzt habe. Aber ausweglos, er muss die Wut, die Scham verbergen, das Ausgelachtwerden durch Fremde, den Spott der Freunde. Und wie oft wurde die Geschichte erzählt, ausgeschmückt, wie oft der Sepp zur Bestätigung seiner eigenen Lächerlichkeit aufgefordert. "Jojo, is schon sou gwein, hots mi einipickt", wieder Lachen. Mein Beitrag war an derlei fröhlichen Schilderungen war nicht unbeträchtlich.

 
- - - -

... Link (0 comments) ... Comment



*Sepp I.02

Sepp hatte keine Eltern, wohnte bei einer Tante und einer wesentlich älteren Halbschwester. Auch die längst tot, mit den "Huiz-Buam" bei einem spektakulären Unfall verbrannt, vier Tote, sogar in der Zeitung stand's, da gab's viel zu reden, auf diese Art konnte man doch über seine Grenzen hinausgelangen. Die Tante die Verkörperung einer Hexe, schon früh, noch als 5, 6jähriger, hat sie mir Angst gemacht, auch wenn sie der Inbegriff der Harmlosigkeit gewesen sein dürfte. Ihr fehlte fast die ganze Nase, das Gesicht wirkte zu klein, ganz in sich zurückgezogen, der Rücken gekrümmt, sie mag wohl kaum 1 m 40 gemessen haben. In Seppls unklarer Sprache bezüglich der fehlenden Nase konnte man nie zwischen aktiv und passiv unterscheiden: "deai hot di sau die nosn obissn!" Wer nun wem - auch wenn das Aussehen für sich sprach, darüber wurde gelacht, gewitzelt, Sepps Erklärungsversuche hatte noch mehr Heiterkeit zur Folge, das Lachen war Erleichterung, man lachte über jemanden, es gab Schwächere, Sepp, dessen Tante. Er stimmte dann irgendwann ein, hilflos "jojo, haha, na ned sie ..., doul" - letzeres halb gemurmelt, ein wenig verärgert, aber immer in der Hoffnung, nicht noch einmal aufgefordert zu werden, die Ursache des fehlenden Riechorgans erklären zu müssen.

 
- - - -

... Link (1 comment) ... Comment



*Ballalla

Vieles hatte ungewollt komischen Charakter. Das Lachen über die Situation oder später im Erzählen verbarg die Unsicherheit, die Beklemmung, verbarg Hilflosigkeit unter vermeintlichem Witz. Das Gasthaus der Kleinstadt, das die Bühne für die meisten dieser Auftritte bot, hob sich durch das heterogene Publikum von allen anderen ab. Da gab es hohe Gerichts- oder Finanzbeamte, Chefs mittelständischer Unternehmen, Abteilungsleiter und Akademiker neben Studenten, Arbeitern und einem Bodensatz halbkrimineller Elemente, Jugendlichen ohne Schulbildung, kaum des Lesens und Schreibens kundig, viele aus dem sogenannten "Viererhaus", dem Inbegriff für Verkommenheit, Alkoholismus.

Durch welche Umstände dort einige Mitglieder für die "Bahai-Religionsgemeinschaft" angeworben wurden, ist mir nicht mehr erinnerlich. Zwei dieser Frischbekehrten gehörten zu meinem engeren Bekanntenkreis, wovon einer Analphabet, nur seinen Namen zu schreiben vermochte, der andere über den Besuch der Sonderschule nicht hinausgekommen war und außerdem mit einem veritablen Sprachfehler behaftet war. Beide vorbestraft wegen diverser Diebstähle und trotz ihrer Jugend erstaunlich trinkfest. Und nun waren sie bekehrt, gingen wohl auch zu einigen Treffen, wollten aber trotz Verboten ihre Trinkgewohnheiten nicht ändern. Wenngleich der sprachlich eingeschränkte "Sepp" tatsächlich einige Versuche unternahm, weniger konsumierte, sich um Veränderungen in seinem Leben bemühte. Aber er war keinesfalls stark genug, um den Spötteleien etwas entgegensetzen zu können - und war er sonst jemand, der bloß gelitten war, mitgenommen wurde, so bekam er in jener kurzen Zeit mehr Aufmerksamkeit denn vorher oder nachher - und ward, um seine religiöse Standhaftigkeit zu erproben, häufig auf das eine oder andere Getränk eingeladen.

Und so kam es zu jener vielbelachten, viel wiedererzählten Ansprache auf einem der Gasthaustische, in der er das Alkoholverbot auf Anraten seiner Trinkerkollegen aufhob. In kurioser, zerissener Kleidung, löchrigen Schuhen und dem unvermeidlich halb aus der Hose hängendem Hemd versuchte er sich in einer Predigt, schwankend, den Speichel auf die nächst ihm sitzenden Zuhörer verspritzend. Und der Name des Religionsgründers, Baha'u'llah, wurde wieder und wieder zum Stolperstein - den Bierkrug in der Hand verkündete er einzig einen Satz, "dass ole Ballalla Bia trinkn suin", "Prost", "Ballalla ...", und er genoss sichtlich die Aufmerksamkeit, das Lachen, die Anfeuerungsrufe von den anderen Tischen, bis er schließlich mit Getöse samt Krug vom Tisch stürzte und dem Treiben von der immer resoluten Kellnerin ein Ende gemacht wurde. Und trotzdem er nur Gegenstand des Spottes anderer geworden war, erzählte er selbst immer wieder von diesem Auftritt, erinnerte an seine eigene, ephemere Berühmtheit, an den Sturz, einher gehend mit einem abgeschlagenen Schneidezahn, den er später vorwies wie eine durch übermäßige Tapferkeit erworbene Kriegsverletzung. "Schau her, do, vui auf die Gouschn ghaut hots mir, schau her, do, jo ..., owa,", lacht, "ole Ballalla diafn Bia trinkn, woaßt eh. I houn gsog!".

 
- - - -

... Link (0 comments) ... Comment


 
online for 2321 Days
last updated: 2008.12.01, 16:40
Links
Literatur
Youre not logged in ... Login
... home
... topics
... 
... 
... 
Twitterjournalismus - oder wer hat den Größeren? Der Blogjournalismus twittert wieder ganz aufgeregt. Bombay, Mumbai,...
by philit (2008.12.01, 16:40)
Nein, aber der Umstände halber fällt mir zur Zeit immer wieder Burger ein, seine...
by philit (2008.11.27, 03:10)
War gestern H.s Todestag?
by i. (2008.11.27, 01:46)
tractatus logico-suicidalis - in memoriam Die schönen Augenblicke sind auch die schrecklichsten. Durch die man...
by philit (2008.11.26, 21:05)
Selbstmord Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Es kann zu einer Qual verkommen, die...
by philit (2008.11.14, 17:25)
Krawuzikapuzi Ich überlebe mich. In einer Zeit großgeworden, die noch mit nach Alkohol stinkenden Matrizenvervielfältigungsapparaten...
by philit (2008.11.11, 18:08)
Jetzt ist es raus: Die Leute sollen in ihren Häusern wohnen bleiben können, die...
by i. (2008.11.08, 02:51)
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Lustig find' ich die allüberall verbreiteten Umfragen, dass zwischen...
by philit (2008.11.05, 19:46)
p Im Aussprechen wird alles zur Lächerlichkeit. Im Niederschreiben ebenso. Alle dingfest gemachten Aussagen verkommen...
by philit (2008.11.05, 17:23)
e. n. b. Die anderen sind dann doch nur dazu da, sich nicht auf sich...
by philit (2008.10.26, 19:21)


... antville home
Dezember 2008
MoDiMiDoFrSaSo
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031
November

XML version of this page

Made with Antville
powered by
Helma Object Publisher

kostenloser Counter