Worte
 
Donnerstag, 22. Juni 2017


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Mal wieder ...



Das Blog sei verwaist: Der Hinweis ist berechtigt. Was u. a. daran liegt, dass der Körper fast alle Aufmerksamkeit, Kraft absorbiert. Und ein Handbuch meiner ganz persönlichen Pathologie zu schreiben will ich nicht, noch nicht(?). Physiologische Abhängigkeit bedeutet Unfreiheit, auch im Schreiben.

Heute der Ausflug mit den Kindern zu den Großeltern. Oma versucht mit dem Blutdruckmesser sich die Haare zu fönen, wirkt kurzzeitig verzweifelt, dann wieder entspannt. "Du, **i, ich vergess schon wirklich viel. Aber weißt - das macht nichts. Ich will das alles gar nicht mehr wissen." Und lächelt fast verschmitzt und ich küsse sie auf die Wange. Das hat sie noch sehr wohl gespürt und strahlt mich an, fast verlegen. Während der Opa mit großem Aufwand und Getue leidet, mitleidheischend, hat er ja nun nach all dem Unbill seines Lebens auch noch eine demente Frau am Hals, für die er Sorge zu tragen hat. Und die ihm nun manchmal - späte Gerechtigkeit - sogar widerspricht. Davon berichtet er wie von Ungeheuerlichem, seine Welt zu einer Scheibe geworden, nichts, aber schon gar nichts mehr ist am richtigen Ort.

Wenigstens das kleine Tor zum angrenzenden Wald ist nun mit Kette und Schloss gesichert. Als ich nach dem Schlüssel fragte, um mit den Kindern einen kleinen Spaziergang zu machen, kam - ungefragt - in grimmigem Ton: Man weiß ja nie, jetzt, wer da kommt. (Seit 50 Jahren hat dieses Türchen keiner benutzt außer meinen Geschwistern und mir.) Flüchtlingsparanoia. Wie auch nicht. Den Tschuschen hat er früher auch nicht getraut. Und jetzt, wo er auf die 90 zugeht, durfte nicht wirklich erwartet werden, dass aus ihm ein toleranter, älterer Herr wird.

Wenn Mutter tot wäre - würde ich noch hinfahren? Es ist schwer, es kostet so viel Kraft, vorher, nachher. Mich nicht rächen wollen ... Habe ich öfter gesagt. Früher, noch vor einigen Jahren hat mich eine gewisse Wut, auch Entschlossenheit aufrecht erhalten. Bei diesem letzten Besuch war nur noch Ekel da, nicht mal die Lust eines vorgestellten Faustschlages.

 
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Sonntag, 22. November 2015


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Aufessen



Bei John Banville lese ich, dass es jemandem darum zu tun ist, das Leben nur noch in homöopathischen Dosen zu konsumieren. Wenn das mal so einfach wäre. Mir präsentiert es sich in mehrgängigen Menus, immer zu viel, zu umfangreich, zu fettig. Natürlich, man könnte auch aufstehen vom Tisch, die Serviette falten und weggehen - einfach so. Aber einfach ist das nunmal nicht - und seit 8 Jahren ist es im Grunde sogar verboten: Sitzen bleiben und aufessen, bis zum letzten Rest und erst wenn alle geendet haben, darf man gehen.

 
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Mittwoch, 19. November 2014


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Postadoleszenz



Der Übergang von vermeintlich semi-ewiglicher Adoleszenz zum körperlichen Verfall verläuft schnell und - retrospektiv - kaum wahrnehmbar. Änderung der Perspektive: Nicht mehr Pläne, Vorhaben einer unendlich gedachten Zeit - sondern Rückschau, ein wenig erstaunt, verblüfft ob der Leerstellen, die man mit allerhand Literarischem oder Philosophischem zu füllen vorhatte neben der bewusst werdenden Erkenntnis, dass diese Vorhaben wegen mangelnder Unendlichkeit vergeblich dieser ihrer Durchführung harren.

Und was macht ein Mensch wie ich diesfalls mit seinem Nachwuchs, etwa dem zweieinhalbjährigen Töchterchen, das in jeder Hinsicht der Inbegriff eines ansonsten nur imaginierten Wunschkindes ist, hübsch, klug, charmant auf berückende Weise? Achselzuckend weiterleben. Wobei der Kleine im bereits schulpflichtigen Alter nicht vergessen werden darf, dem ich - drogeninduziert, weil ansonsten kaum bewegungsfähig - vorzuleben versuche, wie schön Leben sein kann, mit dem ich auf obskuren Musikveranstaltungen tanze, um ihm die Schwerelosigkeit solcher Veranstaltungen - und der Musik an sich - zu demonstrieren, die Möglichkeit des "Sich Selbst Vergessens", Selbstsicherheit, Souveränität. In den seltenen Fällen meiner Anwesenheit ein guter Vater zu sein versuchen, sich orientierend an seiner eigenen Kindheit, die da als Folie dient: Immer das genaue Gegenteil von dem selbst Erlebten zu tun.

 
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Freitag, 24. Januar 2014


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Familie



Alle paar Monate Zusammenkünfte - eigentlich immer der Familie wegen. Geburtstagsfeiern für den 6jährigen, der das genießt, sich Wochen, Monate zuvor schon freut. (Ich, ich hätte - abgesehen von der Undenkbarkeit einer "Geburtstagsparty" - mich nicht einmal zu freuen gewagt, hätte dies doch bedeutet, allzu sehr im Mittelpunkt zu stehen.) Zuerst mit seinen Freunden (Freundinnen - zumeist, was man als Erbteil des Papas zu bezeichnen pflegt), dann mit den Erwachsenen - und der kleinen Schwester, diese unverzichtbar, immer.
Selbstverständlichkeit einer Geschwisterliebe, die selbstverständlich nicht ist. Heute, am 60. Geburtstag des Bruders, ein Geburtstag, den er um rund 20 Jahre zu erleben verfehlt hat, ist die Erinnerung schon fast unwirklich, aber immer noch schmerzlich. Er, der - im Gegensatz zur Schwester - unabdingbar geliebt und bewundert wurde. Die Schwester - auch bewundert, manchmal, aber immer öfter fremd, immer öfter Teil der Außenwelt, einer feindlichen Außenwelt. Schon damals, manchmal, an den Vater erinnernd, an Macht, Gewalt, Schläge, an einen unverständlichen Egozentrismus, der später sie ihr eigenes Schicksal konstruieren und erfinden ließ. Wenn die Kinder schon litten, dann musste ihr Leiden das größte, ungeheuerlichste, schrecklichste sein - im Zweifelsfall auch auf Kosten der Wahrheit. Dass sie gerade denjenigen, den sie damit zu verletzen wünscht, indirekt wieder ins Recht setzte, hat sie sicher nie bedacht; die Wichtigkeit, einen anerkannten und plausiblen Grund zu besitzen, um jedweden Kontakt zu vermeiden, war ungleich bedeutender. Bedeutender auch als der tote Bruder, sein Tod nur ein weiterer Vorwand für Eigeninteressen.
Die Freude des 6jährigen aber überstrahlt alles, die grässlichen Gespräche der Anwesenden, die Schmerzen bei jeder Bewegung. Die kleine Schwester spielt mit Papas Gehstock wie schon weiland der nun feiernde Bruder, der auch Haltung und Geächze des Papas vorzüglich zu imitieren verstand. Mein Blick leer, das Hören auf Nichthören gerichtet, einzig die Kinder vor mir in ihrer Freude, ihrem Streit, dem Geschrei, der Zappelei. Über allem das Geburtstagskind, offenbar glücklicher als ich je war. Insofern könnte man behaupten, dass sich die Welt zum Besseren wandelt ...

 
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Dienstag, 21. Januar 2014


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Popper, Levi, Marx und Freud



"Ich glaube nicht, dass man zur Erklärung dieser und anderer atavistischer Ängste [vor verschiedensten Tieren, u. a. vor Mäusen, Schlangen und Fledermäusen] die Psychoanalyse bemühen sollte, die sich in den Händen von Laien so gut dazu eignet, alle möglichen psychischen Phänomene wie auch deren Gegenteil zu rechtfertigen, und so schlecht dazu, sie vorherzusehen." (P. Levi: Miniaturen und Glossen)
Ob Primo Levi Karl Poppers Autobiographie gelesen hat? Möglich wäre es, sein Interessenhorizont war ungeheuer. Allerdings vermute ich hier eine Koinzidenz intelligenter Menschen: Beide, Levi und Popper haben erkannt, dass eine "Wissenschaft" wie die Psychoanalyse eine Kaffeesatzleserei a posteriori ist - und dass sie vor allem keine Vorhersage machen kann und - noch viel mehr - kein Experiment oder irgendeine denkbare Tatsache die Falschheit dieser Theorien nachweisen kann. Für Popper war die Psychoanalyse (und die Marxsche Geschichtswissenschaft, für die das obige ebenfalls gilt) eine Art Erweckungserlebnis, der Art, dass ihm dadurch sein "Abgrenzungskriterium" erstmal vor Augen trat; Levi aber argumentiert aus einer Lebensklugheit heraus, aus einer profunden Kenntnis des Menschen. Mensch sein ist weder so einfach noch so mytholgisch, wie es der Geschichtsmetaphysiker Marx oder der Metaphysiker der Seele, Freud, gerne gehabt hätten.

 
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Donnerstag, 26. Dezember 2013


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Perversion



Alan Turing, Pionier der Informatik und großartiger Mathematiker, sei begnadigt worden - von der englischen Königin. Sein Verbrechen, für das er zu Beginn der 50iger verurteilt wurde, war - philosophisch gesprochen - ein ontologisches: Er war ganz einfach. Dieses Sein beinhaltete seine Homosexualität. Nun also widerfährt ihm Gnade (nicht Recht): Wie sich diese Gnade ausdrückt, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis (vielleicht ist er nun post mortem, nach seinem Selbstmord aufgrund erzwungener chemischer Kastration, nicht mehr vorbestraft).
Irgendwie sind da alle Relationen von Schuld, Unschuld, Strafe, Gerechtigkeit usf. verrutscht. Müsste sich nicht die Königin entschuldigen (und um Gnade bitten), dafür, dass ihre Vorfahren Gesetze guthießen, die verbrecherischer kaum sein konnten? Könnte heute ein deutscher (oder österreichischer) Bundespräsident die Juden von Auschwitz begnadigen? Oder ein Papst die hunderttausende von als Hexen ermordeten Frauen? Wer ist da nun der Gnade bedürftig?

 
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Dienstag, 3. Dezember 2013


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B. Russel über Mystiker



"Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus können wir keinen Unterschied machen zwischen dem Mann, der wenig isst und den Himmel sieht, und dem Mann, der viel trinkt und weiße Mäuse sieht. Beide befinden sich physisch in einem abnormen Zustand und haben darum abnorme Empfindungen."

 
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Donnerstag, 28. November 2013


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Symbol



"[...] daß es aber auch keinen Unsinn gibt, von dem sich nicht sagen ließe, symbolisch gesehen sei er wahr!" (W. Kaufmann, Philosophie und Religion)

 
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Sonntag, 18. August 2013


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Gestern, heute



Kaum noch ein Satz. Sprachlosigkeit des Alterns. Was lohnt sich, auszusprechen - für wen? (Für die beiden Kleinen, die noch nicht lesen? Aber lesen werden - irgendwann? Und - vor allem der ältere - Koninzidenzen feststellen werden zwischen ihrem Dasein und meiner Befindlichkeit? Wird er's verstehen - wie verstehen? Und was wünsch' ich mir, wie er's verstehen soll? Habe ich solche Wünsche - sind sie, die beiden, die einzigen vorstellbaren Leser?)
Natürlich, Drogen. War zumeist so. Früher. Dann Lebensversuche. Ein wenig Strampeln. Die seltsame Anerkennung - "wenn ich nur so strampeln könnte wie du". Und jetzt ist's wieder früher. Aber doch ganz anders. Weil Zeit verging, weil die früher vorgestellte Zeit nun bereits wieder Vergangenheit ist. Damals: Der jüngste sein, auf der Straße, in der Entzugsklinik, in der Psychiatrie. Ein bisschen Stolz - worauf auch sonst. Notizen, Beschreibung des Krankenzimmers: 16 Menschen, je 8 an jeder Wand. 4 im Gitterbett. Vergitterte Fenster, weil geschlossene Abteilung.
Heute, hört man, seien die Zustände anders. Nur die Ergebnisse die selben. Dennoch ist es ein Fortschritt: Denn das Resultat, das end-gültige, ist ohnehin immer dasselbe. Dieser Gesichtspunkt verbietet sich für jede Analyse. Daher Fortschritt. Aber der Betreffende weiß nichts davon, weil ihm der Vergleich fehlt. Wie mir seinerzeit, als man von den Härten des Krieges meinte erzählen zu müssen. Vom Hungern, von den Zuständen. Wenn sie - wie oft betont - so viel schlimmer waren als mein Zustand, dann müssen sie sehr schlimm gewesen sein. Dachte ich mir.

 
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Samstag, 15. Juni 2013


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Murphy



Heute, beim - mehr-weniger gelungenen Versuch - den Wildwuchs der letzten drei Jahre mit dem alten, ächzenden Rasenmäher zu beseitigen, hatte ich ein langes Gespräch mit Murphy. Es spricht für die Qualität eines Buches, wenn sich seine Protagonisten als Gesprächspartner eignen. Beckett kann das.
Man könnte daraus schließen, dass der Mangel an menschlicher Gesellschaft eigentümliche Blüten treibt. Dem mag so sein, aber diese Feststellung trifft den Kern der Sache mitnichten. Es ist einzig darum zu tun, wie angenehm - erträglich - eine solche Unterhaltung zu sein pflegt. Abstrusität ist weder ein Argument für oder gegen derartige Gespräche.

 
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Dienstag, 16. April 2013


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Bumm



D. Hofstatter erwähnt irgendwo, dass die Menschen sich bezüglich der Ehrfurcht vor dem Leben in die Tasche lügen: Da es jedermann leichter fiele, einer Stechmücke den Garaus zu machen als etwa einem jungen Kätzchen; dass wir offenbar eine Art Stufenleiter der "Lebenswürdigkeit" internalisiert haben (ohne das zu bekennen: Alsbald ist man bei der Euthanasie und Auschwitz).
Dass dies auch in bezug auf Menschen so ist wird offensichtlich: Abertausende Tote von Anschlägen im Iran oder in Afghanistan haben nicht annähernd jene Publizität erreicht wie drei Tote in Boston. Es ist ein großer Unterschied zwischen Bagdad und Boston, zwischen Kabul, Kairo oder Kopenhagen (in genau dieser Reihenfolge).
Von Hörschäden durch die Explosion wird berichtet (brisante Meldungen in der gleichnamigen Sendung). Wie sich die Ungeheuerlichkeit eines Hörsturzes wohl in Damaskus anhört?
Aber man reagiert: London verstärkt die Sicherungsmaßnahmen für den hauseigenen Marathon. Kosten etwa so hoch wie das gesamte Entwicklungshilfebudget Österreichs. Geschätzt - zugegebenermaßen.
Und um Schwachsinnigkeiten vorzubeugen: Mit tut jeder leid, ob in Aleppo oder Bad Schallerbach.

 
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Sonntag, 23. Dezember 2012


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Tja ...



Tag-Nacht-Zerfall. Schlafend wachen - und umgekehrt. Philosophische Bruchstücke im Träumen, ethische Letztbegründung: Denn das Stück geträumter Schlaf war schön. Nichts weiter. Erst erwachend zum Dezisionisten werdend.

 
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Mittwoch, 25. Juli 2012


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Vorhaut & Co



Vor einiger Zeit hätte ich mich noch zu einer Polemik entschließen können. Pro und contra Vorhaut. Empfehlung an alle Krankenanstalten, selbige gut aufzubewahren - wegen potentieller, nie auszuschließender prophetisch-messianischer Charaktere. Sonst muss man sich wieder bei etwaigen Himmelfahrten (nebst Kommando) den Kopf zerbrechen, wo denn das gute Stück vom guten Stück nun sei, ob aufgefahren oder in der braunen Tonne. (Dass das Ganze nur eine paradigmatische Idiotie ist, eine, bei der Blut statt Weihwasser fließt und die ob dieses besonderen Saftes öffentlichkeitswirksam gemacht werden kann, sei hier nur beiläufig angefügt. Dass man in ganz Europa flächendeckend Kinder belügt (wenn es nur bei Lüge bliebe ohne das Erzeugen von Ängsten und Schuldgefühlen), dass man sich nicht entblödet, theologisch-wissenschaftliche (contradictio in adiecto) Fakultäten einzurichten - während der Osterhase immer noch auf eine osterhaseologische Studienrichtung warten muss - diese Idiotie bleibt im Namen der Toleranz unerwähnt - wie fast alles, was mit Religion im Zusammenhang steht.)
Aber es ist gerade die obige Parenthese, die sprachlos macht. Was sagen angesichts einer Öffentlichkeit, die bei jeder ethischen Diskussion meint, mindesten zwei Vertreter irgendwelcher Offenbarungsreligionen konsultieren zu müssen, Menschen, die an schwängernde Geistwesen glauben und sich auf Bücher berufen, in denen man jede Form des Abschlachtens und Mordens gutheißt? Das macht - wenigstens mich - sprach- und hilflos, verhindert Kommentierung und Fußnoten zum alltäglichen Wahnsinn, weil es so alltäglich - und so unglaublich ist.

 
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Wittgensteins Einfalt oder des Handwerkers Nachlass



Manchmal wenigstens noch Kopfschütteln. Etwa über Wittgensteins metaphysische Anwandlungen, über seine an Weininger geschulte Dummheit, die sich nicht entblödet, mit Begriffen wie Sünde und Reinheit zu hantieren. Dümmliches Geniepathos, bestenfalls pathologisch.
Dass ausgerechnet der Philosoph als intelligent gilt, vermag er selbst am besten zu widerlegen. Allerdings hat er es auch schwerer: Quält er sich doch um die Verschriftlichung seines Denkens, während der Klempnermeister einzig Anbote unterschreibt oder das Hauptbuch. Ist unverfänglicher. In den nachgelassenen Fragmenten des Dachdeckermeisters Leopold Havranek würde sich - bei Vorhandensein - auch allerlei Dubioses finden.

 
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Sonntag, 10. Juni 2012


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Tag 6 - Freundschaft



Machs "Antimetaphysische Vorbemerkungen". "Erkenntnis und Irrtum" in nuce. Vom philosophischen Standpunkt aus äußerst lesenswert, wie überhaupt Machs Gedanken in Klarheit und Präzision ihresgleichen suchen. Aber diesmal war es nicht der gedankliche Gehalt, der mich innehalten ließ, sondern eine Stelle, in der er die Flüchtigkeit des Ich durch das Beispiel seines Freundes zu illustrieren suchte: "Mein Freund kann einen anderen Rock anziehen. Sein Gesicht kann ernst und heiter werden. [...] Die Summe des Beständigen bleibt aber den allmählichen Veränderungen gegenüber doch immer so groß, daß diese zurücktreten. Er ist derselbe Freund, mit dem ich täglich meinen Spaziergang mache."
Zusammenzucken, innehalten. "Das ich ist unrettbar", aber die philosophische Bedeutung tritt über der rein semantischen in den Hintergrund. Ein Freund, mit dem man täglich Spaziergänge macht, sich bespricht, dem man von seinen Plänen erzählt, vom Gedachten, Gelesenen, Geschriebenen. Wie lange ist das her, ein solcher Spaziergang, 20 Jahre - mehr - oder doch ein paar Jahre weniger? Bestenfalls ein paar ...
Wenn sie nicht tot sind, so ver- und entschwunden in ein Leben, das meines nicht ist (obschon ich es in Teilen selbst zu führen gezwungen bin, auch wenn sich alles in mir weigert, wütender Widerstand ob all der Unabänderlichkeiten). In lebensphilosophischer Hinsicht ist ein solcher Widerstand (der Unabänderlichkeit wegen) natürlich Unsinn, es ist, als ob man täglich Flugversuche unternähme, weil man die Schwerkraft nicht zu akzeptieren bereit ist. Mit der manchmal gedachten Konsequenz, dass nur ein Leben in luftiger Freiheit lebenswert sei und die Erdgebundenheit abzuschütteln wäre.
Freunde sind selten. Viel seltener als Liebesbeziehungen, die man sich als Jugendlicher ersehnt (und für unmöglich, unerreichbar erachtet), die aber dann wie selbstverständlich sich einstellen und - wie in meinem Falle - vermehrt dann, wenn sich das Interesse zunehmend verliert. Vielleicht begehrt man wirklich nur das, was schwer erreichbar ist, mein manchmal stupendes "Glück bei Frauen" hat oft Neid erregt, weil es mir in den Schoß fiel und weil ich auf die Fragen, "wie ich denn dies machen würde" antwortete, dass der Trick offenbar darin bestehe, nichts, rein gar nichts zu machen. Seit ich mein Selbstwertgefühl mit jugendlich-chauvinistischen Attitüden nicht mehr pflegen muss, ich in fast rücksichtsloser Weise ich sein kann, hat sich das Problem (bzw. der gedachte Mangel) solcher Beziehungen in nichts aufgelöst.
Nicht hingegen der von Freundschaften. Spaziergängen. Gemeinsames Lachen; das vielleicht Wichtigste. Um in und mit diesem Lachen überleben, ertragen zu können. Sich verstehen ohne allzu viel Erklären, Freundschaften dürfen nicht wie Bücher sein, in denen man seine Gedanken einem Ungedachten gegenüber möglichst klar erläutert. Solche Gespräche sind Bücher in Kurzform, Sätze wie Siglen für ein ganzes Werk.
Schon der Ausdruck "mein Freund" im Machs Beispiel verstört. Er hat etwas Anheimelndes, das Possesivpronomen drückt Nähe, Verbundenheit, Zusammengehörigkeit aus. "Mein Freund", nicht nachlässig hingeworfen, sondern bewusst ausgesprochen, im Gedanken an eine bestimmte Person. Ich glaube nicht, dass mir diese beiden Worte in den letzten Jahren jemals über die Lippen gekommen sind.

 
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