Worte
 
Mittwoch, 6. Oktober 2010


*

Weißgekalkte Gräber



Ich habe ihn als stillen, zurückhaltenden Menschen kennengelernt, zittrig, sediert, wie es dem Ort der Begegnung entsprach. Die geschlossene Psychiatrie zur Zeit der 80iger, 16-Bett Zimmer, das Verhalten der "Wärter", welche diesen Ausdruck durchaus verdienten, an Erzählungen aus dem 19. Jahrhundert erinnernd.
Er schien unendlich müde, desillusioniert. Dabei ruhig, beherrscht, bestimmt. Kaum ein Wort über seine Drogensucht, das war erledigt im Sinne eines immer wieder. Keine andere Vorstellungsmöglichkeit. Drei Tage haben wir uns unterhalten, die letzten seines 10tägigen Zwangsaufenthaltes. Nicht sein erster.
Im Aufenthaltsraum Holzstühle und -tische, an der Unterseite Aufdrucke: Eigentum der psychiatrischen Klink xxx. Anlass zu einem erstaunten Ausruf eines alternden Alkoholikers: Heast, mia san im Irrenhaus. Er glaubte sich tatsächlich auf der Schlaganfallstation, beschwerte sich über die irrtümliche Internierung.
10 Holzstühle, zwei Holztische, riesige gusseiserne Heizkörper, der Raum stets zu warm. Vergitterte Fenster, auf den Tischen zwei abgegriffene Kartenspiele. Gleichzeitig der Besuchsraum, Eltern, Frauen, Freundinnen saßen da, meist betreten, flüsternd. Ab und an aus der Station Geschrei, Gezeter, das bald wieder verstummte oder gleichförmiges Klagen aus dem Gitterbettzimmer. Delirium tremens.
I. war zukunftslos. Fragen darüber, was er denn machen wolle, überging er. Sie betrafen ihn nicht. Er wusste viel über Drogen, über Wechselwirkungen, erzählte aber nie aus der Sicht des Betroffenen, sondern, als ob er eine klinische Studie referieren würde. Es schien ihn nichts mehr anzugehen, ein Automat, der Bescheid wusste, bar aller Individualität.
Ein paar Tage nach seiner Entlassung wurde ich auf eine Zeitungsnotiz aufmerksam. Tod eines Drogensüchtigen, Überdosis. "Passiert" war ihm das wohl kaum, obwohl: Vielleicht war sein Desinteresse schon so groß, dass selbst das möglich war. Ein Nebensatz des Zeitungsredakteurs blieb haften: Im Zimmer des Toten sei nichts gewesen außer dem Toten selbst. Kein Möbel, Vorhang, Schrank - nichts. Nur die Matraze mit dem toten I. Vorstellung eines weißgekalkten Grabes, Holzboden, gedämpftes Licht einer verschmutzen Glühbirne.

 
- - - -

... Comment

 
online for 6180 Days
last updated: 22.06.17 05:30
status
Links
Youre not logged in ... Login
menu
... home
... topics
... 
... 
... 
Mal wieder ... Das Blog
sei verwaist: Der Hinweis ist berechtigt. Was u. a. daran...
by philit (22.06.17 05:30)
Aufessen Bei John Banville lese
ich, dass es jemandem darum zu tun ist, das Leben...
by philit (22.11.15 03:17)
Postadoleszenz Der Übergang von vermeintlich
semi-ewiglicher Adoleszenz zum körperlichen Verfall verläuft schnell und - retrospektiv...
by philit (19.11.14 21:05)
Familie Alle paar Monate Zusammenkünfte
- eigentlich immer der Familie wegen. Geburtstagsfeiern für den 6jährigen,...
by philit (24.01.14 06:57)
Popper, Levi, Marx und Freud
"Ich glaube nicht, dass man zur Erklärung dieser und anderer...
by philit (21.01.14 05:02)
diesbezüglich bleibt woityla unübertroffen
er bedauere was menschen den juden angetan hätte warum juden...
by wilhelm peter (26.12.13 05:11)
Perversion Alan Turing, Pionier der
Informatik und großartiger Mathematiker, sei begnadigt worden - von der...
by philit (26.12.13 03:51)
B. Russel über Mystiker "Vom
wissenschaftlichen Standpunkt aus können wir keinen Unterschied machen zwischen dem...
by philit (03.12.13 03:08)
Symbol "[...] daß es aber
auch keinen Unsinn gibt, von dem sich nicht sagen ließe,...
by philit (28.11.13 04:05)
Gestern, heute Kaum noch ein
Satz. Sprachlosigkeit des Alterns. Was lohnt sich, auszusprechen - für...
by philit (18.08.13 05:22)


... antville home
Juni 2019
MoDiMiDoFrSaSo
12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
Juni
recent

RSS Feed

Made with Antville
powered by
Helma Object Publisher

kostenloser Counter